Aufsatz 
Das Streben der Könige von Frankreich nach der römischen Kaiserkrone
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

glaubte, verlautete auf der andern Seite, dass der Verteidiger und Kämpe der Kirche kommen werde, der Begründer einer neuen Zeit des Friedens, der neue Karl d. Gr. 1) AIs daher der Kampf zwischen Karl und Konradin bevorstand, da hat man es offen ausgesprochen, dass dieser Kampf entscheiden werde über den Besitz des Imperiums). Es sind uns zwei erdichtete Briefe aus d. J. 1268 erhalten. von denen der eine als ein Brief Konradins an Karl. der andere als die dazugehörige Antwort gedacht ist 4). Kon- radin fordert Karl auf, ihm sein Erbe herauszugeben und nach Frankreich zurückzukeh- ren; sonst werde er seine siegreichen Adler in roten Fahnen blitzen sehen. Karl aber antwortet, in alten Liedern und wahrhaftigen Schriften könne man lesen, dass Karl d. Gr. seines Stammes gewesen sei. Wenn Konradins Adler ihm zu nahe kämen, werde er- ihnen die Flügel beschneiden und die deutschen Schwerter werde er mit französischen Keulen zerschlagen lassen. Der italienische Welfe, der diese Briefe erfand, hat leider Recht behalten. Grosses Interesse bietet auch eine Bearbeitung der Sage von Karl dem Grossen, die im Jahre 1268 in Oberitalien entstanden zu sein scheint 3 a). Der Held der Sage ist hier ein Jtaliener, der aber aus dem französischem. Königsgeschlecht stammt und mit Frankreich in näherer Verbindung steht. Er hat sich Sizilien. Unteritalien und Pus- cien unterworfen und geht nun über den Apennin bis zum Po, um jenseits dieses Flusses seinen Feinden eine Schlacht zu liefern. Hätte der Verf. noch deutlicher auf Karl von Anjou hinweisen können, der sich i. J. 1266 Sizilien und Unteritalien erobert hatte. i. J. 1267 von der Kirche zum Friedensstifter in Tuscien ernannt worden war und zu Anfang d. J. 1268 am Pusse der Apennin stand mit der Absicht, dem heranrückendenNonradin bis nach Pavia entgegen zu gehen? Der Verfasser dieserGesta Caroli Magni hat also dem König Karl von Sizilien die Züge entlehnt, um das Bild seines Helden, des grossen Kaisers, zu zeichnen. Im fernen England aber nannte bereits ein Sclaittsteller den sizi- lischen König einenimperator Romanus'.

Bei dieser Sachlage kam alles darauf an, ob das Papsttum gewillt sei. zur Errich- tung eines römisch-französischen Kaisertums die Hand zu bieten. Auch diese Möglich- keit war keineswegs ausgeschlossen. Die Erbitterung, mit der man den Kampf gegen Friedrich II. ausgekämpft hatte, zitterte noch nach in den Gemütern. Es bestand am Sitze des Papsttums nicht nur eine antistaufische, sondern geradezu eine antikaiserliche Partei.Videtur, quod tam spirituales quam saeculares imperatoris potentiam iam abhor- rent. So schrieb in jenen Tagen Bischof Bruno von Olmütz an Gregor X. Es kam noch hinzu. dass Urban IV ein Franzose, Clemens IV ein Peovenzale gewesen war und unter dem Pontificat dieser beiden Päpste eine erheblich grosse Anzall französischer Prälaten in das Collegium der Kardinäle aufgenommen worden war. Aber auf der anderen Seite hatte doch das Mittelalter eine gewisse heilige Scheu vor dem geschichtlich Gewordenen. Es fehlte doch auch nicht an Männern, die die Ansicht vertratéen. dass man an der mehr- hundertjährigen Verbindung des Kaisertums mit dem deutschen Königtum festhalten und die durch den u seligen Kampf zwischen Sacerdotium und Imperium zerrissenen Fäden wieder anknüpfen müsse. Eine äusserst erfreuliche Erscheinung ist in dieser Richtung die Schrift des Domscholasters Jordanus von Osnabrücküber das rimische Reich4). Er be- sass keine ausgedehnten geschichtlichen Kenntnisse, dieser Osne räcker Domscholaster: nicht einmal die Reihenfolge der einzelnen Kaiserdynastien schesr ihm geläufig gewe- sen zu sein. Otto IV hat er offenbar für den letzten Sachsenkai und Friedrich II für den Begründer einer neuen Dynastie gehalten. Aber für. diesen ngel an geschichtli-

chem Wissen entschädigt vollauf seine warme deutsche Empfind Er wendet sich vor allem gegen die Auffassung, als ob es nicht weise gewesen sei, Kaisertum auf die 1) Dürrwächter p. 86 ff. 2) a. a. 0. p. 98. 3) a. a. O. p. 101. 3a) uter p. 26. 4) Abh. der

hist. Phil. Cl. d. K. Ges. d. Wissensch. 2z. Göttingen XIV.