Als dann vollends i. J. 1239 Gregor IX über Kaiser Friedrich II zum zweiten Male den Bann verhängte und ihn des Reiches entsetzte, und nach einigen vergeblichen Vermitt- lungsversuchen zwischen Kaisertum und Papsttum ein Kampf auf Leben und Tod ent- brannte, da schien der Zeitpunkt für die Erfüllung der Weissagung des Mönches Adso nähergerückt zu sein. E wird vermutet, dass Gregor IX schon um d. J. 1240 dem Kö- nige Ludwig dem Heiligen von Frankreich die Kaiserkrone angeboten habe ¹); sicher ist, dass i. J. 1241 Karl von Artois, der Bruder des Königs, sie ausgeschlagen hat. Ludwig d. Hl. hat sich zunächst mit der Rolle des Vermittlers zwischen Papst und Kaiser begnügt. Als jedoch i. J. 1256 Wilhelm von Holland, den man dem Sohne Fried- richs II. König Konrad IV, als Gegenkönig gegenübergestellt hatte. erschlagen worden war. da hat Ludwig allem Anscheine nach ²) den Papst bewogen, den Kurfürsten seinen Vetter Alfons von Castilien zur Wahl zu empfehlen. Frankreich verdankte demnach Alfons seine Wahl, bei den Franzosen hat er bis z. J. 1259 thatkräftige Unterstützung gefunden.
Ganz anders geartet als der hl. Ludwig war sein jüngerer Bruder, der Graf der Provence Karl von Anjou, kühn und entschlossen, zielbewusst und rücksichtslos. Er schien alle Eigenschaften in sich zu vereinigen, um die alte Weissagung von dem französischen Kaisertum wahr zu machen. Vor allem hat er das Papsttum sich zu Dank verpflichtet. Seit dem Konzil zu Clermont, auf dem der erste Kreuzzug beschlossen wurde, an dem die tranzösische Ritterschaft dann einen so hervorragenden Anteil genommen hat, hatte sich das Verhältnis der Kirche zu Frankreich immer inniger gestaltet. In bedrängter Lage hatten Innocenz II. und Alexander III. in Frankreich Zuflucht gesucht und gefunden.— Dem unausgesetzten Drängen Ludwigs des Hl. verdankte Innocenz IV. i. J. 1242 seine Wahl. Auf einem Kreuzzug hat sodann i. J. 1270 derselbe hl. König sein Leben beschlos- sen. Doch noch ungleich wichtigere Verdienste hat sich Karl von Anjou um die Kirche erworben.„Es ist nicht übertrieben, sagt ein neuerer Schriftsteller, dass kaum jemals der Bestand des Papsttums so bedroht gewesen ist wie in jenen Tagen.“ König Manfred, der sich eigemmächtig die Krone des sicilischen Königreichs auf das Haupt gesetzt hatte. hielt den Papst von allen Seiten umklammert; Manfreds Truppen streiften bis in die nächste Umgebung der ewigen Stadt; Clemens IV, der sich nach Perugia zurückgezogen hatte. war von jeder Verbindung mit Rom abgeschnitten. Aber wie durch ein Wunder gelang es Karl. von Marseille aus zu Schiff die Tibermündung zu gewinnen; plötzlich und uner- wartet tauchte er in Rom auf, wo er von einigen Kardinälen im Auftrag des Papstes zum König von Sicilien gekrönt wurde. Dann schickte er sich an, Manfred niederzuwer- fen, und zwei Jahre nachdem Manfred bei Benevent gefallen war, unterlag ihm bei Taglia- 0220 der letzte Staufe Konradin. Aber dieser Sieg, der das Papsttum aus unsäglicher Not und Verlegenheit befreite. so dass Clemens IV seinem Retter in der demütigendsten Weise zu Willen sein musste 4), bedeutete zugleich eine schwere Niederlage des kaiser- lichen Gedankens.„Konradins Tod, sagt Ranke, ist gleichbedeutend mit dem Ende des alten Kaisertums.“
Es wäre demnach nur eine weitere Consequenz der bisherigen Entwickelung gewesen, wenn das Kaisertum nunmehr auf die Franzosen übergegangen wäre. Und eine solche Wandelung der Dinge lag keineswegs ausserhalb des Bereichs der Möglichkeit. Auch in Jtalien fehlte es nicht an Weissagungen, die einen völligen Umschwung aller Dinge an- kündigten. Während man auf der einen Seite an eine baldige Rückkehr Friedrichs II.
1)Schwann, Ludwig d. Hl. von Frankreich und seine Beziehungen zu Kaiser und Reich(Zeitschrift für allgemeine Geschichte IV(1887) p. 482 ff.) 2) Vgl. meinen Aufsatz: Alexander IV und der deutsche Thronstreit(Mitt. d. Just. f. österr. Gesch. XIX 75 ff.) 3) Sternfeld, der Kreuzzug Ludwigs d. Hl. und die Politik Karls I von Sicilien. Berlin 1896 p. 72. 4) Dürrwächter, die Gesta-Garoli Magni der Re- gensburger Schottenlegende. Bonn 1892 p. 95. Hampe, Gesch. Konradins von Hohenstaufen. Innsbruck 1894 n. 135.


