Aufsatz 
Das Streben der Könige von Frankreich nach der römischen Kaiserkrone
Entstehung
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2.

Aber auch im Westreiche war die Erinnerung an den grossen Frankenkaiser nicht ausgestorben. Dort lebte ja noch sein Geschlecht, wenn auch nur in unfähigen und un- würdigen Vertretern: Westfranken wurde geradezu alsKarlingien bezeichnet. Und auch die Capetinger, die i. J. 987 nach dem Aussterben der Karolinger an der Spitze von Frank- reich traten, nannten Karl d. Gr. ihren glorreichen Vorgänger. Das junge französische Königtum nahm den NamenFrancia für sich in Anspruch und füllte diesen Begriff in bewusster Weise mit national-französischem Inhait aus. 1) Der Umstand, dass die deut- schen Könige seit Heinrich IV sich nicht mehrreges Francorum nannten, dass mit dem Aussterben der fränkischen Kaiser i. J. 1125 auch das fränkische Herzogtum aufhörte und der Frankenname in Deutschland gänzlich ausstarb, konnte diese Auffassung nur begünstigen. Unter diesen Umständen nahm auch die Karlssage im Westreiche eine national-französische Färbung an. Karl d. Gr. ist nicht mehr der erste christliche Her- scher des Abendlandes. sondern zunächst der national-französische König ²2). Man er- innerte sich, dass Karl mit seinen Franken die heidnischen Sachsen unterworfen hatte. dieselben Sachsen, deren Herzöge seit 962 mit der Würde des Jmperiums bekleidet wa- ren; aber man Vergass, dass diese Franken ein germanischer Volksstamm gewesen waren u. das romanische Gallien sich unterworfen hatten. Man verwechselte also das erobernde Volk mit dem unterworfenen Land. Schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts hat ein d eutscher Geschichtsschreiber Karl einen Franzosen genannt 3), und noch heutigen Tages sieht ein französischer Forscher. der gleichfalls das Streben der Könige von Frankreich nach der römischen Kaiserkrone in einem besonderen Aufsatze behandelt hat, sich veranlasst. seinen französischen Lesern gegenüber ausdrücklich den germanischen Charakter der Persönlich- keit und der Schöpfung Karls d. Gr. zu betonen 4). Soll man sich also wundern, wenn man in Frankreich zugleich mit dem Andenken an Karl d. Gr. die Hoffnung pflegte. dass dereinst ein französischer König Karls Krone tragen werde? Bereits um d. J. 946. also noch ehe Otto d. Gr. das Reich erneuert hatte, hat der französische Mönch Adso in seinem Buche vomAntichrist die Weissagung ausgesprochen, dass vor dem Ende der Tage aus dem französischen Königshause ein gewaltiger Kaiser erstehen werde 5). Aber freilich, solange der stolze Bau, den Otto errichtet hat, nicht in seinen Grundfesten wankte, war an die Verwirklichung solcher Weissagungen nicht zu denken. Wohl haben i. J. 1024 nach dem Aussterben der Sachsenkaiser italienische Grosse dem König Robert von Frankreich die Krone Jtaliens angeboten, aber schon 1032 hat der erste Franken- kaiser, Konrad II. dadurch dass er Burgund mit dem Reiche verband, den Franzosen für lange Zeit die Wege über die Alpen verlegt. Allerdings begann sodann mit den Tode Heinrichs III für das Reich eine Zeit schwerer Bedrängnis. Doch die Schöpfung Ottos des Grossen trotzte der Gefahr. Nach dem Aussterben der Franken aber bestiegen die Stau- fen den Thron, jenes reichbegabte Geschlecht, das einen Friedrich Rotbart und Heinrich VI hervorbrachte. Erst das Jahr 1198 bedeutet m. E. eine Wendung zum Schlimmen. Wie die welfische Partei damals daran gedacht haben soll, den König von England auf den Thron zu erheben, So sollen umgekehrt die Staufen mit dem Plane umgegangen Sein. Philipp II August von Frankreich zu wählen 6). Nun ist es ja allerdings anders gekom- men; aber es scheint doch. als ob Deutschland seitdem die alleinige Entscheidung über seine Geschicke aus der Hand gegeben habe. Während sich die Staufen auf Frankreich stützten. fanden die Welfen einen willkommenen Rückhalt an England; auf französischem Boden wurde i. J. 1214 durch die Schlacht bei Bouvines das Königtum des Welfen Otto zu Fall gebracht.

1) Kampers, Kaiserprophetieen und Kaisersagen im Mittelalter. München 1895 P. 65. 2) Kampers p. 149. 3) Kampers p. 149. 4) Leroux, La royauté française et le saint empire Romain(Revue Hlistorique 19, 241 fl. J: Refuser de voir en Charlemagne un Franc de Germanie, parcedue son acte de naissance n'a pas été rétrouvé, ou esquiver la question de race en prétendant que sapDatrie legale est la Gaule, c'est une mauvaise plaisanterie. 5) Kampers p. 58- 6) Scheffer-Boichorst, Deutschland und Frankreich (Forsch. z. d. Gesch. VIII 495).