Das Streben der Könige von Frankreich nach der römischen Kaiserkrone ¹).
Dem Reiche Karls des Grossen War eine lange Dauer nicht beschieden. Der Versuch Ludwigs des Frommen, seinem ältesten Sohne Lothar eine gewisse Ober- hoheit über seine jüngeren Brüder einzuräumen, misslang. Der altfränkische Grund- satz der Erbteilung siegte über den Grundsatz der Reichseinheit, und i. J. 843 be- siegelte der Vertrag zu Virten endgültig den Zerfall der grossen fränkischen Monar- chie. Durch diesen Vertrag erhielt Ludwig, dem man später den Beinamen des Deutschen gegeben hat. den Osten und Karl der Kahle den Westen des Reiches, Lothar aber. der bereits die Kaiserkrone trug und über Jtalien herrschte, einen Streifen Landes. der vom Mittelmeer pis zur Nordsee reichte und die Reiche seiner Brüder auf der gan- zen Linie von einander schied. Es gab also seitdem drei karolingische Dynastien. Nun war es von grosser Bedeutung. dass die Dynastie Lothars, also die kaiserliche, zu- erst erlosch. So dass die Frage entstand, wer verufen sei, die Erbschaft derselben an- zutreten, die Ost- oder die Westfranken. Ludwig der Deutsche war älter als Karl der Kahle, seine Ansprüche also besser begründet, als8 diejenigen seines westfränkischen Bruders. Trotzdem bemächtigte sich dieser letztere des gesamten Erbes und empfing aus den Hän- den des ihm wohlgesinnten Papstes die Kaiserkrone. Aber die Ostfranken sahen nicht ruhig zu. Sie nötigten Karl, das Land von Basel bis zur See, das man als Lotharingien pezeichnete, abzutreten und auf die Kaiserkrone zu verzichten. Damit War für alle Fol- gezeit ein leuchtendes Vorbild geschaffen und das Anrecht der ostfränkischen Könige auf die römische Kaiserkrone ein für allemale festgestellt. Zunächst freilich vermochten die Ostfranken sich auf die Dauer ebensowenig in Jtalien zu behaupten, wie die Westfranken; ja i. J. 911 erlosch mit dem Tode L.udwigs des Kindes die Dynastie der ostfränkischen Karolinger. Nun hätten die westfränkischen Stammesvettern ein Erbrecht geltend machen können. Aber diesseits des Rheines war das Gefühl nationaler Eigenart und Selbtständig- keit bereits zu mächtig geworden, als dass Karl der Einfältige, der im Westen gebot, ir- gend etwas hätte erreichen können; er konnte froh sein, dass Lotharingien, das an der Wahl des Franken Konrad sich nicht beteiligte, ihm zufiel. Nach dem Tode Konrads aber ergriffen die Sächsischen Ludolfinger mit kräftiger Hand das Scepter. In der alten Kaiserpfalz zu Aachen, mitten im Herzen des neu eroberten Lotharingiens, das nun dau- ernd beim Ostreiche blieb. liess Heinrich's I Sohm Otto der Grosse sich zum Könige krönen; und dann richtete er sein mächtiges Reich auf, das fast drei Jahrhunderte hindurch die Ge- chicke unseres Erdteils bestimmte. Karl der Grosse schien dem Grabe entstiegen zu sein und seinen Sitz in Aachen wieder eingenommen zu haben, wenn auch das Reich Ottos
kein Weltreich war, Wie das seinige, sondern vielmehr auf der innigen Verbindung des
deutsch- nationalen Königtums mit Jtalien und dem Kaisertume veruhte.
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1)„Am wenigsten nehmen die Verf. von Programm-Abhandlungen in der Wahl des Gegenstandes und in der Form der Behandlung Rücksicht auf die Schüler. und doch haben diese den ersten Anspruch auf Berüeksichtigung.“(Gymnasium XVI, 9). Diese Worte eines erfahrenen Schulmannes haben mir tür den nachstehenden Anfsatz als Richtschnur gedient:. Derselbe wendet sich also in erster Linie an die Schüler und erhebt auf selbständigen wissenschaftlichen Wert keinen Anspruch.


