6 den Prinzen habe das Parlament zu Karls II. Zeit für den nächsten zum Throne er- klärt, er sei es theils durch das Recht seiner Gemahlin, auf die das Recht ihres Vaters übergehe, theils als Sohn ger Schwester Karls II. und des Herzogs von York; wenn er mit 10,000 Mann in England lande, so werde ihm alles zufallen; das zu der Expe- dition nöthige Geld solle ihm nicht fehlen.
So sah der staatskluge Fürst in seinem Geiste die Entwicklung der Dinge voraus! — Schon im April schickte der Kurfürst seinen Geh.-Rath Paul Fuchs nach dem Haag ab um in vertraulichen Besprechungen über die politische Lage sich zu verständigen und eine gemeinsame Haltung den drohenden Ereignissen gegenüber herbeizuführen.
Bestärkt wurde der Kurfürst in dieser Richtung durch einige andre Ereignisse: bei dem damals erwarteten kinderlosen Absterben des Königs Karl von Spanien, liess Ludwig XIV. Schriftstücke verbreiten, welche die spanische Succession für einen französischen Prin- zen beanspruchten, resp. eine Succession von Baiern in den spanischen Niederlanden vorschlugen: sollte der französischen Monarchie ein solcher Machtzuwachs an Land und Leuten, und dazu die Erwerbung eines solchen Vasallenstaates in Deutschland ohne weiteres zugestanden werden?
Aber noch mehr: die Hoffnungen, welche Ludiwig früher gehegt und zu verwirk- lichen unternommen hatte, die römische Kaiserkrone an sein Haus zu bringen, schienen jetet mehr und mehr sich der Erfüllung zu nähern: mit allem Eifer hatte er deutsche Fürsten und Kurfürsten auf seine Seite zu ziehen gewusst;„das Haus Oesterreich sei nicht mehr seiner Aufgabe, das Reich zu schützen, gewachsen, man müsse an die Wahl eines neuen Königs denken, den Dauphin oder den Kurfürst von Baiern“, sollte der Kurfürst von Mainz sich geäussert haben; deutlicher noch der Bischof von Strass- burg: man deliberire in Frankreich nicht mehr ob, sondern wie man den Dauphin zum römischen Könige zu machen habe, ob durch Gewalt oder durch ordnungsmäs- sige Wahl.
Endlich die pfälzischen Ansprüche Ludwigs für die Herzogin von Orleans bei Erlöschen der Linie Pfalz-Simmern: nicht genug dass ein weitrer katholischer Kurfürst folgte, wodurch die Zahl der evangelischen auf zwei zusammenschmolz, wäre der fran- zösische König, wenn man ihn nicht energisch zurückwies, bis mitten in das Reich, bis vor die Thore von Speier, Worms und Mainz vorgerückt: und was das bedeute, wusste man zu ermessen, wenn man auf die zahlreichen Befestigungen hinblickte, die Ludwig auf den jüngst erworbenen Gebietstheilen sofort anzulegen sich be- eilt hatte.
Fuchs hatte in der Mitte des Mai die erste Audienz bei dem Prinzen; die Zu- stände und Stimmungen fand er trostlos: die schlimmsten Gerüchte waren über die gegen die Freiheit der Staaten gerichteten Absichten des Prinzen und Kurfürsten ver- breitet, deren Quelle die französische Gesandtschaft war; auf der andern Seite war der Prinz den Forderungen Frankreichs und England gegendher rathlos und in gedrückter. Stimmung. Der Geschicklichkeit des brandenburgischen Gesandten, unterstützt durch die Ereignisse, gelang es, einen totalen Umschwung herbeizuführen: es kam nicht nur eine Aussöhnung zwischen den Parteien zu Stande, sondern auch eine Annäherung an


