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Zwar war durch den westphälischen Frieden die Gleichberechtigung der drei christl. Confessionen für Deutschland festgesetzt: allein es fehlte viel, dass im praktischen Leben schon diese allgemeine Duldung geübt und nicht vielmehr auf der einen Seite mannigfaltige Versuche zu Bekehrungen gemacht, auf der andern dagegen nichts mehr als eine Vergewaltigung durch die katholischen Mächte gefürchtet worden wäre: kein Wungder, da grade vom Ende des 303. Krieges an eine lebhafte Bewegung in Frankreich sich zeigte, die katholische Religion zur alleinberrschenden zu machen und auch in dieser Beziehung Uniformität herbeizuführen: immer drückender wurde die Lage der fran- zösischen Hugenotten schon lange vor der endlichen Aufhebung des Edicts von Nantes, wodurch viele schon damals sich zur Auswanderung entschlossen. Mit dem Fortschreiten der äusseren Waffenerfolge schritt man in Frankreich eifriger auf dieser Bahn voran, ja die Politik Ludwigs nahm allmählig einen ausschliesslich katholischen Charakter an, so dass die Befürchtung, wie die Zukunft gelehrt hat, gerechtfertigt war,„Frankreich arbeite daran, den Papismus auszubreiten“. Wie für Europa Holland, so galt für Deutschland der grosse Kurfürst als der Hort der evangelischen Freiheit, beide waren so durch Gemeinsamkeit dieser Interessen von selbst auf einander angewiesen. Doch stand der Kurfüst in so weit viel höher und freier denn seine religiösen Freunde da, als er nicht engherzig nur eine oder die andere der drei chsistlichen Confessionen be- vorzugte, sondern schon damals praktisch den Grundsatz der Toleranz selbst übte und von seinen Unterthanen forderte:„Kein Potentat in der Welt vermag die Gewissen zu zwingen, und man muss nicht blos fromm, man muss auch gerecht sein.“ Und diesen Grundsatz übte er nicht blos in seinen Landen, sondern nahm sich auch seiner ander- wärts bedrängten Glaubensgenossen an, legte Fürsprache ein, nahm Vertriebene oder Flüchtige auf, so dass er als ein wahrer protector fidei erschien, wie er denn schon 1666 in Frankreich sich verwendete. Um wie viel höher stieg sein Ansehen und seine Zuversicht, als er so grosse Erfolge im Innern und in den Kriegen gehabt, und schon bei Lebzeiten mit dem Namen des grossen Kurfürsten gepriesen wurde, auf der andern Seite aber die Thätigkeit qer vereinigten Staaten an und für sich in dieser Beziehung weniger energisch sich zeigte, allmählich aber immer mehr durch die in- neren Parteizwistigkeiten gelähmt wurde. Daher kein Wunder, dass der Kurfürst sich selbst schliesslich als den ersten Schützer des evangelischen Glaubens und der Religionsfreiheit ansehen und demgemäss auftreten konnte. ¹)
Freiheit der europäischen Staaten vor der Vergewaltigung Frankreichs und Be- schützung der Religionsfreiheit der Evangelischen waren die zwei Leitsterne, welche der äusseren Politik des grossen Kurfürsten als Richtpunkte dienten. ²)
¹) Pufendorf XIX, 4. theilt die Instruction mit, welche dem brandenburgischen Gesandten Spanheim bei veiner Gratulation zur Thronbesteigung Jacobs II. gegeben ward, worin es heisst: se qui nunc supremum caput reformatae religionis in Europae sit, quantum possitscurae pro ipsis gesturum.
²) Wie auch Pufendorf XIX, 99. zusammenstellt: quod Elector ad servandam Europae libertatem ac Protestantium religionem maxime necessarium summopere probabat.


