Aufsatz 
Die Theilnahme der brandenburgischen Truppen an der Expedition Wilhelms III. nach England / von Friedrich Otto
Entstehung
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Um so grössere Gefahren drohten an der Westgrenze Deutschlands und der brandenburgischen Lande. War nicht seit kurzem die französische Macht bis zum Rheine vorgerückt und darauf bedacht durch List und Gewalt sich immer weiter hier auszubreiten und festzusetzen? Näherten sich nicht die französischen Grenzen auch mehr und mehr dem brandenburgischen Cleve? Und wie wusste Ludwig XIV. die neuer- worbenen Laude sofort zu sichern, indem er feste Plätze anlegte, die alte Verbindung mit Deutschland aufhob oder erschwerte und eine volle Einverleibung in das übrige Frankreich vorbereitete!

Drohend erhob sich ein übermächtiges Staatswesen, das von Duldung und Achtung selbständiger kleiner Nationalitäten oder Gemeinwesen nichts wissen wollte, sondern mit chernem Tritteé einer Universalmonarchie entgegenstrebte, der nur noch der Name des Kaiserthums fehlte, um das altehrwürdige römische Reich deutscher Nation auch um die äussere Ehre und Ansehen gebracht zu haben. Sollte ein eigen- artiges deutsches Reich bestehen und die Preiheit der deutschen Staaten erhalten blei- ben, so musste dem hochstrebenden ehrgeizigen Unterfangen Frankreichs entgegenge- treten werden. Und dass dies geschehen müsse, das sah zunächst nur der damals noch wenig erkannte Kurfürst Friedrich Wilhelm und setzte seine ganze Kraft daran, es zu erreichen. In diesem Sinne förderte er 1658 die Wahl Leopolds zum römischen Kaiser gegen die Bemühungen Ludwigs; in diesem Sinne betheiligte er sich in freilich noch wenig wirksamer Weise an dem sogenannten ersten Raubkriege 1667 durch den Ver- such einer Coalition gegen Frankreich, und lehnte 1670 die Theinahme an einer Theilung der vereinigten Niederlande ab, durch welche Ludwig ihn mit diesen gründlich ver- feinden und für immer sich zu gewinnen gehofft hatte; in diesem Sinne schloss er am 6. Mai 1672 den Vertrag mit Holland, durch welchen er allein unter allen deutschen und europäischen Fürsten sich zu der schweren Aufgabe verpflichtete, der be-

drängten Republik gegen die Gewalt und den Ueberfall des französischen Eroberers

beizustehen, das Recht der Verträge gegen die Willkühr eines mächtigen Kriegsherrn zu schützen:»in den Augen der Mit- und Nachwelt werde es als eine unvergessliche Schwacheit erscheinen, die Freiheit nicht blos Deutschlands, sondern der ganzen Christen- heit so Preis gegeben zu haben. Freilich war der materielle Gewinn, den der Kurfürst aus dem Kriege davontrug, nicht der Rede werth, allein die Kühnheit des Entschlusses, welche er gezeigt, die Energie in der Durehführung, welche er bewiesen, den Ruhm der glän- zenden Kriegsthaten, den er im Kampfmit den erprobten schwedischen Heeren davon ge- tragen, hoben seine Bedeutung und seinen Einfluss auf die deutschen und europdäischen Verhältnisse und gaben ihm ein erhöhetes Selbstvertrauen, noch mehr als früher seine eignen Wege zur Wohlfahrt des Vaterlandes zu gehen. Allerdings führten ihn diese nunmehr ab auf die Seite des früheren Gegners, da er, belehrt durch den Undank derer, denen er beigestanden und die ihn im Stiche gelassen, nicht abermals ein Opfer für fremde Zwecke werden wollte. So kam es, dass er sich den Reunionen nicht in dem Maase entgegensetzte, als,wir erwartet hätten.

Doch bald wurde er aus dieser Bahn wieder herausgerissen: es geschah, als neben

den politischen auch die religiösen Interessen des Kurfürsten gefährdet zu sein schienen. 1*