Aufsatz 
Zur Beurteilung und Würdigung der Staatslehre Spinozas
Entstehung
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bildet zwiſchen den verſchiedenartigen Intereſſen ſeiner Angehörigen s, ſo gewiß vermag keine Staats⸗ form dieſen Beruf der ſocialen Gerechtigkeit beſſer und vollkommener zu erfüllen als die Monarchie.R Sie hat in der Geſchichte von jeher eine ſtarke einigende und erhaltende Kraft bewährt, weil ſie ihrer Natur nach die Parteien am leichteſten zu gemeinſamem Wirken verbindet, undnichts iſt geeigneter, die Verſchmelzung der widerſtrebenden Elemente zu fördern, als gemeinſame Arbeit an gemeinſamen Auf⸗ gaben.*° Die Parteikämpfe, bei denen erfahrungsgemäß der Gemeinſinn ſehr häufig ſchwindet¹¹, toben im allgemeinen viel heftiger in Demokratien als in Monarchien, wo ſich das Königtum oft als den«rocher de bronce» erweiſt, an dem ſich die wilde Brandung des Parteitreibens bricht. Schließlich aber iſt der monarchiſche Staat in der glücklichen Lage, die demokratiſchen Gedanken, welche die fortſchreitende Kultur ans Licht bringt, in ſich aufzunehmen, ohne ſich ſelbſt aufzugeben, ohne ſeinem Prinzip untreu zu werden. Die allgemeine Wehrpflicht, die Annahme konſtitutioneller Formen, was ſind ſie anders als die Anwendung demokratiſcher Grundſätze durch die Monarchie?

Wie ſich Spinoza im einzelnen die Einrichtungen ſeines Idealſtaates gedacht, durch welche Ver⸗ faſſungsformen er zu ermöglichen geglaubt hat, daß in den Geſetzen nur der gemeinſame Wille aller Staatsangehörigen zum Ausdruck gebracht würde, wie er ein ſo vielköpfiges Weſen zur Regierung und Verwaltung befähigen wollte, iſt nicht zu ermitteln; denn in ſeinem unvollendetenPolitiſchen Traktat iſt er zu einer vollſtändigen Entwickelung ſeiner Anſichten über die beſte Form der Demokratie nicht ge⸗ langt. Der Tod hat ihn von dieſer Arbeit abgerufen. Die wenigen Kapitel, die von der Demokratie handeln, enthalten nur allgemeine einleitende Bemerkungen. Ebenſo wenig geben uns die in der Theologiſch⸗politiſchen Abhandlung niedergelegten Gedanken das vollſtändige Bild ſeines demokratiſchen Idealſtaates. Trotzdem darf man annehmen, daß ihn wäre es ihm vergönnt geweſen, uns ſeinen demokratiſchen Muſterſtaat in allen ſeinen weſentlichen Zügen vorzuführen ſeine unzureichende Me⸗ thode von dem Ziele der Staatslehre ebenſo abgelenkt hätte, wie wir es bei der Betrachtung ſeiner Anſchauungen von der Monarchie und Ariſtokratie beobachtet haben. Daß es auch dieſer Ausführung nicht an tiefen Gedanken und anregenden Bemerkungen gefehlt haben würde, iſt ebenſo ſicher, und darum kann man nur bedauern, daß ſie nicht vollendet worden iſt.

Ein Rückblick auf die Staatslehre unſeres Philoſophen zeigt uns, daß Spinozaſeinen Begriff des Rechts und Staates unmittelbar an ſeine Weltanſchauung anknüpft*², daß insbeſondere ſeine Ethik die Keime ſeiner Politik enthält. Seine Ethik aber begründet er durchaus einſeitig auf den Trieb der Selbſterhaltung(conatus suum esse conservandi), und Recht iſt ihm Macht; das Individuum hat

es Bornhak, Allgemeine Staatslehre, S. 23.

8oDer König allein und die Emanation, die von ihm und ſeiner politiſchen Auffaſſung ausgeht, bleibt partei⸗ los. Fürſt Bismarck als Redner, Bd. 6, S. 197.

70o Fürſt Bismarck als Redner, Bd. 3, S. 69.

i Daß den Parteien häufig ſchon von Hauſe aus viel Unreines anhaftet, betont Wachsmuth, Geſchichte der politiſchen Parteiungen, Braunſchweig 1853, Bd. 1, S. 27 f. Derſelbe Forſcher hat das wahre Wort geſprochen, daß an dem Grundgeſetz der Weltordnung, wonach ein allmählicher Fortſchritt zum Beſſeren ſtattfindet, die Geſchichte der Parteien keinen Anteil hat:Gut und ſchlecht, wie ſie vor alters waren, ſind ſie bis auf dieſen Tag geblieben (a. a. O., S. 32 u. 33).

22 R. v. Mohl, Die Geſchichte und Litteratur der Staatswiſſenſchaften, Bd. 1, S. 235.