12
Erster Theil.
Der Weinbau.“
Bei der Bedeutung, welche der Weinbau und der Weinhandel für die Volks- wirtschaft in Italien erhalten hatte, machte sich das Bedürfnis geltend, weiten Kreisen der Bevölkerung über die Behandlung des Rebstocks und des Traubensaftes Ver- haltungsmassregeln zu geben, die sich auf Erfahrung und gesundes Urteil stützten. Die meisten Agrarschriftsteller, die über den Weinbau mehr oder weniger ausführlich gehandelt haben, sind Landwirte gewesen, die mit den theoretischen Kenntnissen, die sie sich aus den Werken der Griechen und besonders aus dem bekannten Buche des Karthagers Mago erworben hatten, das auf Veranlassung des römischen Senats in die lateinische Sprache übersetzt war, praktische Erfahrungen verbanden, die sie persönlich bei ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit gemacht hatten. Aus der grossen Zahl önologischer Schriften sind uns die Abhandlungen eines Cato, Varro, Columella, Plinius und Palladius erhalten, Spuren verloren gegangener Schriften, wie die des Julius Attikus, Saserna Vater und Sohn, Demobkritus, Gräcinus u. a. finden sich bei Columella und Plinius. Es liegt in der Natur des Gegenstandes, dass ausser den Werken der Fachmänner auch Schriften anderen Inhaltes heranzuziehen sind, in denen auf den Weinbau und dessen nationalökonomische Bedeutung Bezug genommen ist, auch die Dichter, die vom edlen Rebensaft begeistert, das Lob desselben verkündet haben, werden zu Worte kommen müssen.
Die Rentabilität des Weinbaues.“
Der Getreidebau, welcher in der älteren Zeit den Schwerpunkt der römischen Landwirtschaft gebildet hatte, war schon seit dem zweiten punischen Kriege im Rück- gange begriffen. Rom, der natürliche Getreidemarkt für den italischen Cerealienbau, war diesem im wesentlichen verschlossen, nachdem seit Gajus Gracchus staatlicher- seits jährlich grosse Mengen überseeischen Kornes in ltalien eingeführt wurden, das die Regierung dem hauptstädtischen Pöbel für einen niedrigen Preis oder ohne Ent- gelt zu überweisen gezwungen war. Noch blieben die Lokalmärkte übrig, auf welche das Getreide Siziliens, Sardiniens und Afrikas trotz seiner Wohlfeilheit nicht gebracht wurde, da bei dem Mangel an guten Land- und Wasserstrassen sich die Transport- kosten zu hoch belaufen hätten. Aber auch die Märkte der Provinzialstädte wurden immer mehr ein schlechtes Absatzfeld für den Getreidehandel, als mit dem Wachsen der Hauptstadt die Bevölkerungsziffer der kleinen Landstädte stetig abnahm, So dass schliesslich fast nur noch kleinere Landwirte zurückblieben, die den jährlichen Bedarf
¹) Magerstedt, Der Weinbau der Römer 1858. ¹*) Max Weber, Die römische Agrargeschichte 1801; Seeck, Geschichte des Untergangs der antiken Welt 1805. 2) Cato r. Tr. 1.


