Aufsatz 
Der Feldbau der Römer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

vornehmen Römers zu Varros Zeit, zeigt in beredten Worten die Vorrede des zweiten Buchs, in welcher der greise Gelehrte sich mit herbem Tadel über die veränderten Zeiten ergeht.Die Vorfahren gaben dem Leben auf dem Lande den Vorzug vor dem in der Stadt, deren Bewohner ihrer Ansicht nach minder fleissig sind als die Landleute. Jedem neunten Tag widmeten sie sich den städtischen Angelegenheiten, an den übrigen bebauten sie ihren Acker. Daher hatten sie wohlbestellte Felder und erfreuten sich einer trefflichen Gesundheit. Jetzt haben die Hausväter Sichel und Pflug verlassen und leben in der Stadt, wo sie im Theater und im Cirkus Beifall klatschen, statt auf dem Acker und im Weinberge ihre Hände zu gebrauchen. Afrika und Sardinien liefern das Getreide; der Wein wird zu Schiff von den Inseln Kos und und Chios gebracht, während in ltalien die Acker wieder in Wiesen verwandelt werden.*¹)

Auch Vergils Absicht war es, den für die Beschäftigung mit dem Landbau er- storbenen Sinn seiner Landsleute zu wecken. Seine vier in Hexametern geschriebenen Bücher Georgica, welche er fast zu gleicher Zeit mit Varro verfasste, verbinden mit einer entsprechenden künstlerischen Form vaterländisches Empfinden, liebevolles Ver- senken in die Natur und praktische Erfahrung, die der Bauernsohn auf der heimat- lichen Flur in der reichen Poebene sich leicht hatte erwerben können. Er hatte die einschlägigen griechischen und römischen Schriftsteller fleissig benutzt, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben. Mäcenas, der gerade damals für den im Orient wei- ſenden Augustus die Staatsgeschäfte zu leiten hatte, sah in Vergil die geeignete Per- sönlichkeit, um in dem durch Aufruhr und Krieg verwilderten Volke Liebe zur hei- matlichen Scholle und Geschmack an dem stillen Leben des Landmanns wieder zu wecken.) Der steigende Luxus hatte grosse Strecken Ackerland für unfruchtbare Park- und Gartenanlagen, für künstliche Seen und prachtvolle Villen gefordert.*) Während die alten Römer herrliche Tempel erbauten und bei den Festen der Götter grosse Prachtliebe entfalteten, im häuslichen Leben sich aber sparsam zeigten, liebten es die Zeitgenossen des Sallust Stadt- und Landhäuser zu erbauen, deren Grösse ganzen Städten gleichkam.)

Die Zeiten waren unwiederbringlich dahin, wo selbst die Angehörigen der vor- nehmsten Geschlechter es nicht verschmähten, den Acker mit eigener Hand zu be- stellen. Aber nicht nur Genusssucht und Wohlleben hatten diese Veränderung nerbeigeführt, in höherem Grade noch bedingten die ganz veränderten wirtschaft- lichen Verhältnisse einen Bruch mit der alten Zeit. An Stelle der Bauerngüter von bescheidenem Umfang war ein Grossgrundbesit? getreten, dessen mehr extensive wie intensive Wirtschaft fast nur noch in den Händen zahlreicher Sklaven lag. Diese Latifundien, eine Folge des Ansammeins grosser Kapitalien in wenigen Händen mussten, ebenso wie die ausserordentliche Herabsetzung der(etreidepreise, zu der sich die Regierung veranlasst sah, um dem ärmsten Teil der Bevölkerung Roms zu

²) Varro, De rustica ed. H. Keil 1884 II. 1.

*) Ribbeck, Geschichte d. röm. Dichtung Band II. Stuttgart 1800. ³) Horaz, Oden II, 15, 10.

*) Sallust: Catilina VI. u. XIII.