Aufsatz 
Einige Bemerkungen über den naturgeschichtlichen Unterricht am Gymnasium
Entstehung
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bildungen, und dass der Flügel der Vögel wie die Brustflosse der Fische dem Arme des Menschen entsprechen. Sie sind gleich geeignet, den Scharfsinn wie das Interesse der Schüler zu erregen. Die Functionen der Organe, deren merkwürdige Anpassungen an ihre Dienstverrichtungen sowie an die äusseren Lebensverhältnisse fordern weiterhin die ganze Aufmerksamkeit und Ueberlegung der Schüler heraus; hierbei aber hat der Lehrer sich zu hüten, in den Fehler der teleciogischen An- schauung zu verfallen, wie er überhaupt nur an die Thatsachen sich halten und alles Theoretisiren oder gar Polemisiren in dem ÜUnterrichte vermeiden soll. Er muss deshalb in seinen Ausdrücken vorsichtig sein und durch dieselben nicht falsche Auffassungen begünstigen. Es ist z. B. ein Unterschied, ob er fragt, zu welchem Zwecke hat ein Thier ein bestimmtes Organ so und so gebildet, oder ob er wissen will, welche Beziehungen die Form des Organes zu seiner Thätigkeit hat und welche Bedeutung dasselbe für das Leben des Thieres besitzt.

Leben ist Bewegung, die sich zum Mindesten als Wachsthum äussert; die durch das Wachsthum bedingten Formveränderungen eines Naturkörpers, d. h. die Entwicklung, gehören überhaupt zu den anziehendsten Seiten der Naturbetrachtung. Es ist freilich nicht gut möglich, der Jugend gerade das erste Entstehen der Thiere klar zu machen, wohl aber kann dies bei den Pflanzen ohne allen Anstand geschehen, und hier dürfen also auch die Geheimnisse der Fortpflanzung den Schülern enthüllt werden; die Entwicklung des Thieres aber kann von seinem ersten Auftreten in der Welt an als Ei oder als Junges bis zu seinem Ende verfolgt werden. Das Vorkommen der Geschöpfe endlich auf der Erde, betrachtet nach den Ursachen des Gedeihens und der Art der Verbreitung, bereitet die Erkenntniss der pflanzen- und thiergeographischen Gesetze vor, so dass schliesslich nur eine kürzere Zeit nöthig ist, um dieselben einmal in ihrem Zusammenhange vorzuführen.

Alle die hier erwähnten Seiten der Betrachtung sind es, die als gleichwichtige bei dem Unterrichte zu berücksichtigen sind, und es dürfte viel mehr gewonnen sein, wenn man nur wenige Pflanzen und Thiere kennen gelehrt hat, aber diese gründlich und möglichst allseitig, als wenn unsere Schüler eine Menge Namen und Formen wissen, mit denen sie im Leben nichts zu machen verstehen. Nirgends mehr als in der Naturkunde gilt der alte pädagogische Grundsatz: »non multa sed multum.-

Haben unsere Schüler Vertreter der einzelnen Familien und Ordnungen auf diese Weise verstehen gelernt, dann ergibt sich auch ein System mit Leichtigkeit, dann macht ihnen auch. wie die Erfahrung zeigt, das Bestimmen von Pflanzen oder Thieren keine grosse Schwierigkeit, denn es gehört dazu nur einige Uebung; uusere Schüler sind dann überhaupt befähigt, in irgend einer Weise, wenn es Beruf oder Neigung später erheischen, selbständig weiter zu arbeiten, und mehr kann wahrlich nicht von der Schule verlangt werden. Für viel grösser aber halten wir den formalen Gewinn, der aus einer eingehenden Behandlung des Stoffes, wie wir es meinen, entspriessen muss: das Ueben der Sinne und der gesammten Geisteskräfte, sowie das Ausbilden gesunder Anschauungen und des ästhetischen Gefühles. Auf diesem Wege allein ist auch die wissenschaftliche Basis für unseren Unterricht gewonnen, und dieser sollen wir von der untersten Stufe des Unterrichts an im Gymnasium treu bleiben.

Es mag wohl überflüssig erscheinen, an einigen Beispielen zu erläutern, wie das bisher Gesagte in der Anwendung sich gestalten soll. Gleichwohl aber dürfte es etwaigen Missverständ- nissen gegenüber nicht unnütz sein, hier an einigen praktischen Hinweisen zu zeigen, wie schon auf der ersten Stufe des Unterrichts, die stets die schwierigste ist, in der angedenteten Weise verfahren werden kann.

Gymnasium 1878. 2