Aufsatz 
Einige Bemerkungen über den naturgeschichtlichen Unterricht am Gymnasium
Entstehung
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Alle diese Seiten nun hat auch der naturgeschichtliche Unterricht zu berücksichtigen, und dies kann auf verschiedenem Wege geschehen. Man kann dabei dem Entwicklungsgange der Wissenschaft selbst ungefähr folgen, indem man etwa auf einer Stufe Systematik und Morpho- logie, auf einer anderen vergleichende Anatomie, und wieder auf einer anderen Physiologie, Entwicklungsgeschichte und Geographie betreibt, und in ähnlichem Sinne wird auch hier und da verfahren; man kann aber auch einen Organismus als Ganzes auffassen und ihn vollständig. ehe man einen neuen Körper in Angriff nimmt, den Schülern nach allen den Seiten vorführen, nach denen er von der Wissenschaft beleuchtet worden ist. Man kann dann die gewonnenen Ergebnisse von Zeit zu Zeit zusammenstellen und gewissermassen aus der Vogelperspective über- schauen, um schliesslich einen möglichst weiten Horizont zu gewinnen. Wenn wir den Werth dieser beiden Wege für die Schule vergleichen, so können wir wohl keinen Zweifel hegen, dass der letztere allein der für die Schule, und zumal für das Gymnasium, empfehlenswerthe ist. Er lehrt den Schüler an jeden Naturkörper nach allen Richtungen hin Fragen zu stellen, dadurch seine Geisteskräfte zu üben, und er allein ist im Stande, ein allgemeines und bleibendes Interesse zu erwecken.

»Thiere sind lebende Wesen. Ihr Wesen also, d. h. die Art ihrer Organisation, und ihr Leben, d. h. die Art der Thätigkeit der Organe, sowie die Formveränderungen, die ein Geschöpf während seines Daseins erleidet, sind und bleiben die Schwerpunkte für den zoologischen Unterricht«; so ist in der Vorrede zur 12. Auflage von Schilling's Thierreich*) versucht worden, die Aufgabe des zoologischen Unterrichts zu bestimmen, und das Gesagte kann eben- sowohl für den Unterricht in der Botanik gelten.

Die Naturgeschichte ist eine Wissenschaft, die das Leben der Geschöpfe verstehen lehren will; in dessen Dienst stehen ja die Organe und eine der Eigenschaften derselben ist die Form. Das Leben selbst soll also die Schule zu erfassen, seine Erscheinungen, Regeln und Gesetze den Schülern zur Erkenntniss zu bringen suchen, und darin finden wir vor Allem die hohe Bedeu- tung unseres Unterrichts, der in dieser Weise durch keinen anderen ersetzt werden kann. Gesunde Anschauungen von den Vorgängen und Gesetzen des Lebens sollen in der Schule erworben werden, sie sind ein nothwendiger Baustein in der Basis der heutigen Bildung, denn unsere Zeit arbeitet in erster Linie emsig auf die Erkenntniss der Naturerscheinungen hin. Der prak- tische Nutzen ergibt sich stets nach der gewonnenen Einsicht von selbst.

Den Bau der Naturkörper hat also der Unterricht stets in seinen Beziehungen zu dem Leben, das in den verschiedenen Organen sich nach verschiedener Seite hin äussert, in das Auge zu fassen. Natürlich geht damit die Betrachtung der äusseren Form, der Merkmale, Hand in Hand, und wir lehren z. B. ebenfalls die Blattformen und die Unterschiede in der Fussbildung der Vögel kennen, aber wir betrachten dieses nicht als Selbstzweck und machen keinen beson- deren Cursus daraus, sondern nehmen eben nur die äusseren Merkmale als zum Körper gehörig mit in die Betrachtung auf. Später geben wir dann nach der Untersuchung vieler Dinge auch einmal eine Uebersicht über die gefundenen Formen. Viel wichtiger, weil in hohem Masse zum Denken anregend, sind uns die vergleichende Morphologie und vergleichende Anatomie, die die Gesetzmässigkeit im Bau der verschiedenen Typen nachweisen und oft ganz fremdartig auftretende Theile als denselben Bildungsgesetzen entsprechend erkennen lassen, die uns z. B. lehren, dass Knospenschuppen sowohl wie Staubblätter nichts anderes sind als verschieden geartete Blatt-

*) Breslau, Ferd. Hirt 1875.