Aufsatz 
Einige Bemerkungen über den naturgeschichtlichen Unterricht am Gymnasium
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Wegfall zu bringen Veranlassung finden. Auf diese Weise entsteht denn in der That eine Regellosigkeit, die nirgend sonst im Unterricht ihres Gleichen hat; es gibt Gymnasien, welche speciell der Naturbeschreibung(von Sexta bis Tertia) 7, andere, die ihr 6, noch andere, welche ihr 5, 4, 2, 1 wöchentliche Lehrstunden opfern, bis zu solchen, auf deren Lehrplan sie überhaupt gar keine Stelle hat.«*)

Es müssen also doch noch Ursachen vorhanden sein, die der gleichmässigen Einführung des naturwissenschaftlichen Unterrichts in den Gymnasien hinderlich in den Weg treten, Gründe, die wohl zum Theil in äusseren Verhältnissen liegen; vielleicht auch mögen sogar noch hier und da Bedenken bestehen, die an entscheidender Stelle noch immer den Werth und die Nothwendigkeit der Naturwissenschaften, und der Naturgeschichte insbesondere, für ihre Anstalten einigermassen fraglich erscheinen lassen. Und sehen wir auf die Verschiedenheit in der Auffassung und Be- handlung der Aufgabe hin, so zeigt uns diese, wie immer noch das Richtige nicht gefunden zu sein scheint, und wir können solche Bedenken zum Theil begreiflich finden.

Wenn wir in Nachstehendem einen Blick auf die angedeuteten Schwierigkeiten und die Möglichkeit ihrer Beseitigung zu werfen versuchen, so lassen wir zunächst Physik und Chemie gänzlich bei Seite und beschäftigen uns allein mit der»Naturgeschichte« oder den»beschreiben- den Naturwissenschaften,« wie man, allerdings in unzureichender Weise, die Lehre von den drei Reichen der Natur zu bezeichnen pflegt.

Für diesen Gegenstand ist den Gymnasien durch den von den Behörden gebilligten Lehr- plan**) der nöthige Raum gewährt, indem der Unterricht von Sexta bis Obertertia inel, fort- schreitet und so das Wesentlichste des Stoffes behandelt werden kann. Es besteht in diesem, im Uebrigen weit genug gefassten Rahmen nur eine empfindliche Lücke: der naturgeschichtliche Unterricht fällt in Quarta aus, weil in dieser Classe bereits Griechisch und Mathematik als neue Lehrfächer zu den bisherigen hinzutreten und einer Ueberlastung der Schüler vorgebeugt wer- den muss.

Wir sehen vollständig die hier vorliegenden Schwierigkeiten ein; empfindet ja doch das Gymnasium gleichfalls in hohem Masse den Druck, der wie ein Alp auf dem gesammten heutigen Schulwesen liegt, die Ueberbürdung mit Lehrstoff und Lehrfächern. Beanspruchen einerseits die classischen Sprachen und die historischen Gebiete, die seine eigentliche Aufgabe bilden, eine tiefer gehende Behandlung und angestrengtere Thätigkeit, als dies in früheren Jahren der Fall war, so verlangten ausser Naturkunde noch einige Gegenstände, wie Turnen und Zeichnen, Auf- nahme unter die Zahl der obligatorischen Unterrichtszweige, und wieder andere, wie Rechnen und Geographie, erforderten mehr Zeit als soust zu ihrem Betriebe.

Voy verschiedenen Seiten***) sind alle diese Punkte wiederholt und eingehend erörtert worden, dieselben Stimmen betonen aber auch die Nothwendigkeit, dass der naturgeschichtliche Unterricht in Quarta wie in den anderen Classen ertheilt werde, und suchen Mittel und Wege, wie dies möglich gemacht werden könne; dass eine Uebereinstimmung bezüglich der gemachten Vorschläge nicht erzielt werden konnte, spricht wiederum dafür, wie schwer es ist, hier Rath zu

*) Verhandlungen der ersten Hannover'schen Directorenversammlung am 7., 8. und 9. Juni 1876. Hannover 1877.

**) Wiese, Verordnungen und Gesetze.

1

***) Z. B. von der Directorenversammlung der Provinz Sachsen, 1874, und der bereits erwähnten Directorenversammlung in Hannover.