Aufsatz 
Einige Bemerkungen über den naturgeschichtlichen Unterricht am Gymnasium
Entstehung
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Einige Bemerkungen über den naturgeschichtlichen Unterricht am Gymnasium. 1 Von Dr. F. C. Noll.

Fast möchte es überflüssig erscheinen, über die Bedeutung der Naturwissenschaften als Bildungsmittel und Unterrichtsgegenstand an den Gymnasien noch das Wort zu erheben, nach- dem sowohl die formale als auch die materiale Seite des Gegenstandes so vielfach und eingehend beleuchtet wurden. Universitäts-Facultäten, Mitglieder der Schulbehörden, Directoren-Conferenzen, Lehrer-Versammlungen und Nereine haben sich wiederholt zu ihren Gunsten ausgesprochen, in Schulprogrammen ist dieser Gegenstand wiederholt behandelt, Naturforscherversammlungen und Männer der Wissenschaft, die der Schule selbst ferne stehen, haben ihre Unentbehrlichkeit nach- guweisen versucht. Und wie in Deutschland ist man auch in anderen Ländern, in denen auf den Unterricht der Jugend grosser Werth gelegt wird, zu der Erkenntniss gekommen, dassder Werth der Naturwissenschaft als eines Zweiges der geistigen Disciplin theils in dem besteht, was sie mit allen Wissenschaften gemein hat, in der Bildung und Stärkung des gesunden Menschen- verstandes, theils in dem, was ihr besonders eigenthümlich ist, in der grossen Förderung nämlich, welche sie den Fähigkeiten der Beobachtung und Vergleichung verschafft, sowie in der Exactheit des Wissens, die sie von denen unter ihren Zöglingen fordert, welche ihre Grenzen auszudehnen wünschen;«*) und dass»in gegenwärtiger Zeit Bekanntschaft mit der Mannigfaltigkeit des Naturlebens, wie mit seinen Gesetzen als integrirender Bestandtheil jeder allgemeinen Bildung und als eine der wesentlichen Voraussetzungen für höhere Studien, nicht bloss für gewisse Fach- studien, welche eingehende Naturbeobachtung zur Voraussetzung haben, sondern namentlich auch für das allgemeine Studium der Philosophie und nicht minder für das allgemeine Bedürfniss des praktischen Lebens dringend wünschenswerth ist.«**)

Und wenn wir gleichwohl von Neuem dieses Thema hier berühren, so geschieht es aus dem Grunde, weil trotz aller Auseinandersetzungen die Wirklichkeit hinter den gestellten An- forderungen zurückgeblieben und der naturwissenschaftliché Unterricht noch keineswegs an allen Gymnasien in die ihm gebührende Stellung eingetreten ist. Ein Vergleich der alljährlich in den Programmen dieser Anstalten gegebenen Berichte über die den Naturwissenschaften zuertheilte Zeit sowie über die durchgenommenen Pensa ergibt? wie verschiedenartig die Bedeutung der fraglichen Fächer aufgefasst wird und wie dürftig dieselben in der That mitunter dabei weg- kommen. Die Verhandlungen der ersten Hannover'schen Directorenversammlung bestätigen dies weiterhin, denn»von der Befugniss, ausser in Quarta den betreffenden Unterricht auch in Sexta und Quinta ausfallen zu lassen, wird in ausgiebiger Weise Gebrauch gemacht, und es fehlt selbst nicht an Gymnasien, die ihn in Tertia, ja an solchen, welche ihn in Secunda oder in Prima in

*) Th. Huxley, Reden und Aufsätze. Berlin 1877. S. 85. **) Landferman, Gymnas.-Zeitung IX., S. 764.