Aufsatz 
Das Thal von Orotava auf Teneriffa
Entstehung
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hebt man die auf der Erde liegenden Reben im Juni auf etwa 2 Fuß hohe Gabelhölzer und läßt ſie von dieſen tragen. Die ſchweren Trauben hängen alsdann unter dem Laube, das ihnen die Sonnenſtrahlen zum Theil wegnimmt, dem Boden zu. Ende Auguſt beginnt die Reife der Trauben, die man bis in den Oktober hinein täglich friſch haben kann. Ende September ſahen wir überall im Thale von Orotava, das ehemals 8000 Pipen*)(die Pipe zu 600 Flaſchen) Wein im Jahre machte, die Traubenernte in vollem Gange und die Leute an der im Freien unter einem Dache errichteten Kelter beſchäftigt. Dieſe iſt noch etwas alterthümlich und ſchwerfällig eingerichtet. Eine rieſige Holzſchraube drückt nicht unmittelbar auf die Trauben, ſondern zieht einen wagerecht in der Wand befeſtigten Baum aus feſtem Holze an dem freien Ende herab, und dieſer drückt nun auf ſeine Unterlage, womit die Trauben überdeckt ſind. Die Weine Teneriffa's, die ehemals ſtark ausgeführt wurden, gleichen denen von Xerez in Spanien, auch wohl dem Marſala Siciliens und werden, da man keine oder nur ſchlecht gegrabene Keller hat, ſtark mit Weingeiſt verſetzt, damit ſie ſich halten. Letzterer wird in vorzüglicher Qualität hauptſächlich von Bremen den Kanaren zugeführt, und in allen Städten, ſelbſt im Puerto, konnten wir den zu unſeren Sammlungen nöthigen Spiritus, wenn auch zu hohem Preiſe, aber gut, kaufen. Unter den Traubenſorten, die wir zu ſehen oder zu koſten Gelegenheit hatten, begegneten wir auch der kleinbeerigen ohne Samenkerne, woraus die kleinen Roſinen, die Korinthen, durch Trocknen gewonnen werden. Die Malvaſiertraube, deren Beeren faſt die Größe einer Pflaume erreichen, und die beſonders im Thale von Orotava ein berühmtes Produkt lieferte, hat von der Traubenkrank⸗ heit am meiſten gelitten, und nur wenig noch wird ſie deshalb gepflanzt. Sie bedarf der Bewäſſerung.

Zu den Kulturgewächſen, denen man in dieſer Region überall begegnet, die den Charakter der Landſchaft auf den Kanaren mit beſtimmen, gehören die Dattelpalme und die Banane.

Die Dattelpalme ſcheint ſchon in ſehr früher Zeit den Weg von der afrikaniſchen Küſte nach den kanariſchen Inſeln gefunden zu haben. Plinius, der nach dem geographiſchen Werke des Königs Juba eine kurze Beſchreibung derglücklichen Inſeln gibt, die älteſte Nachricht, die wir von den Kanaren beſitzen, ſagt ſchon, daß die Palmen dort häufig ſeien. Als Angiolino 1341 im Auftrage Alfonſo's VI. von Portugal nach den Inſeln kam, ſah er einen Theil der Bevölkerung mit Schürzen von Palmblättern bekleidet. Die Hauptſtadt der Inſel Canaria wurde desUeberfluſſes herrlich grünender, hoher Dattelpalmen**) wegen, die an dem Fluſſe ſtanden, wo die Stadt erbaut wurde, Las Palmas genannt, und ebenſo verdankt die Inſel la Palma den ſchönen, auf ihr häufigen Bäumen ihren Namen.

Auch das Thal von Orotava hat ſeine Palmen. Vielfach ragen ſie über die Dächer der einſtöckigen Häuſer empor, der Landſchaft tropiſchen Reiz verleihend; in den meiſten Gärten, mitten in den Cactuspflanzungen begegnen wir ihr. Auch droben in der Villa treffen wir ſie noch, höher aber ſteigt ſie nicht hinauf, da ſie etwa mit Tauſend Fuß Meereshöhe ihre Grenze findet. Wollen wir ſie aber geradezu die Landſchaft beherrſchen, dieſer einen ächt tropiſchen Charakter aufprägen ſehen, dann wenden wir uns auf der Landſtraße nach Oſten und beſuchen auf der Anhöhe, die das Thal von Orotava begrenzt, die Ortſchaften Sta. Urſula und Viktoria, wo ſpaniſche Uebermacht den Helden⸗ muth eines freien Volkes überwand. Doch denken wir nicht an unſere enggedrängten deutſchen Dörfer,

*) L. v. Buch a. o. O., S. 58. **) Dr. C. Bolle. Die kanariſchen Inſeln. Zeitſchrift für allgem. Erdkunde. Berlin 1861.