Aufsatz 
Das Thal von Orotava auf Teneriffa
Entstehung
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und die dichtgedrängten, kaum von einander ſich abhebenden Blätter ſtehen ſo regelmäßig, daß der Einwohner in der That die PflanzePastel del risco(Felskuchen) nennt. Zu Hunderten hangen ſie hier an den Wänden.

Doch wir kommen zu einem Einſchnitte zwiſchen zwei Bergen, aus dem ein dünner Bach, von Stufe zu Stufe kleine Waſſerfälle bildend, herabrauſcht. Wo ſein Weg am engſten, da hat ſich Bananengebüſch angeſiedelt. Vielleicht war eine Wurzelknospe zufällig von dem Waſſer hierher⸗ geſchwemmt worden; ſie hat Wurzel gefaßt und iſt zu einem kleinen Walde geworden, deſſen lange Blätter als reicher Schmuck das Bachthal erfüllen. Calladien haben ſich an ihrem Fuße in Menge angeſiedelt und verdecken mit ihrem dunklen, helladerigen Blatte die Stämme der Bananen; Mooſe und Farnkräuter bilden ſaftige Raſen; zwiſchen wucherndem Graſe ſteht die Meerpeterſilie und wilder Sellerie, und am Boden im ſeichten Waſſer leuchtet zwiſchen den Steinen ein blaues Blümchen her⸗ vor, etwa wie unſer Vergißmeinnicht, nur viel glühender. Es iſt eine Tradeskantia, die wir wegen ihrer leichtwachſenden kriechenden Stengel oft als Hängepflanze in unſeren Zimmern ziehen.

In dem nächſten Bache, der etwas breiter iſt und in einem erweiterten Thale dem Meere zufließt, greifen wir unter größeren Steinen im feinen Schlamm den kanariſchen Aal(Anguilla cana- riensis), den einzigen Süßwaſſerfiſch dieſer Inſeln, etwas kleiner und ſchmächtiger als unſer Aal. In wenigen Minuten haben wir fünf Stück erhaſcht und hätten bei längerem Nachſuchen jedenfalls noch mehr Ausbeute gemacht.

Von unſerem Städtchen, dem Puerto aus, wenden wir uns dem Innern des Landes zu. Kaum haben wir die letzten Häuſer hinter uns, ſo befinden wir uns mitten zwiſchen Cactusfel⸗ dern. So weit der Boden dem menſchlichen Fuße zugänglich und der Fels nicht gar zu hart und kahl iſt, ſieht man die weinbergartig angelegten Felder an den Halden und Hängen ſich hinziehen. Von dem Niveau des Meeres ſteigen ſie bis auf das Plateau von Laguna, wo ſie allerdings ſchon größeren Schutzes zu bedürfen ſcheinen,*) alſo bis zur Höhe von mehr als 500 Metern. Sie bedecken den größten Theil des Bodens dieſer Region und haben für den Wohlſtand auf den Inſeln große Bedeutung gewonnen. Seit ihr Anbau allgemein geworden, hat ſich die Wohlhabenheit der Bewohner gehoben, und die Hauptbeſchäftigung der Landbeſitzer dreht ſich jetzt um den Anbau der Opuntie und die Behandlung des auf ihr ſchmarotzenden Inſektes, der Cochenille.

Nicht immer war es ſo.Im Jahre 1503 theilte Alonzo de Lugo, der Eroberer Tene⸗ riffa's, das ganze Val Taoro, das Thal von Orotava, in kleine Parzellen und gab es ſeinen Offizieren mit der ausdrücklichen Bedingung, Zuckerrohr darauf zu bauen. Schon im Jahre 1507 aber überzeugte ſich der Gouverneur, daß der Weinbau viel einträglicher ſei, und das ganze Thal ward mit Weinreben bepflanzt. Man holte ſie von Madeira, wohin ſie der Prinz Heinrich von Candia aus dem Peleponnes hatte verfetzen laſſen.**) Das Zuckerrohr gedieh aus dem Grunde nicht gut, weil man ihm nicht genug Waſſer zuführen konnte. Auf der quellenreichen Inſel Gran Canaria, noch mehr aber in dem feuchten Klima Madeira's fand es beſſere Bedingungen ſeines Fortkommens.

*) In der Nähe von Laguna ſahen wir die Nopalpflanzungen mit Drähten überſpannt, auf denen zum Schutze gegen die Feuchtigkeit oder zu'grelle Sonne geſchnittenes Stroh dünn ausgebreitet war.

**) Leop. v. Buch. Phyſikaliſche Beſchreibung der kanariſchen Inſeln. Berlin 1825. S. 124. Höhere Bürgerſchule. 2