Aufsatz 
Das Thal von Orotava auf Teneriffa
Entstehung
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Anweſenheit geſtörten Thiere, meiſt paarweiſe, ſcheu von Fels zu Fels. Hier mag die Stammmutter unſerer Haustaube ruhig niſten; kein Boot würde es wagen, in der ſchrecklichen Brandung, deren Donner unſer Rufen übertönt, ihrem einſamen Wohnſitze zu nahen. Aber auch drüben an der ſchatti⸗ gen Wand des Ufers iſt Vegetation. In der Höhe läuft eine Waſſerleitung hin, der kühn am ſteilen Felshange ein Weg gebrochen iſt. Vielleicht rührt von ihr die Feuchtigkeit her, die überall an der Felswand durchſickert. Unter ihrem Einfluß hat ſich die ganze Wand mit üppigem Teppich des zier⸗ lichen Frauenhaars(Adiantum Capillum Veneris) überzogen, das hier im begünſtigenden Schatten fußlange Blattſtiele treibt.

Wir treten unter freundlicher Führung eines Schweizers, des Herrn Honegger, in ein Landgut ein(La Rambla), das in unvergleichlicher Lage die Küſte beherrſcht. Die tiefe Rinne eines durchführenden Baches iſt mit den großen Blättern wildwachſender Calladien(Calladium esculentum) erfüllt, die lieblich contraſtiren mit dem Schilfrohr, das im Winde lispelnd ſich über ſie neigt, und mit den Blättern der Lorbeerbüſche und Weiden, die die Abhänge am Bache bedecken. Droben iſt das Bachbett abgeſperrt. Uns zu Liebe wird die Schleuſe aufgezogen und ein majeſtätiſcher Waſſer⸗ fall rauſcht die Stufen der Felswand herab; er verbirgt ſich zwiſchen den Rieſenblättern des Calla⸗ dium, deren größte wir von einem Meter Länge fanden. Ueber einen ſchmalen Steg gelangen wir in eine Allee von Dattelpalmen, aus deren blätterreichem Wipfel die gelben Fruchttrauben nieder⸗ hängen. Unter ihrem Schatten wandelnd genießen wir den Blick auf das weite Meer und auf die ſteil abfallende Küſte, die hier in terraſſenartig angelegten Beeten Kartoffeln und Mais trägt und an allen nicht kultivirbaren Stellen mit Wäldchen des rieſigen Schilfrohrs(Arundo Donan) beſetzt iſt. Auch dieſe Pflanze iſt von Wichtigkeit für die Bewohner der Kanaren, denn da an Brennholz und noch mehr an Werkholz großer Mangel iſt, benutzt man die dürr gewordenen, ſehr feſten Sten⸗ gel des Schilfrohrs als Stangen und Stäbe, wozu ſie ſich auch ihrer bedeutenden Länge und Leichtig⸗ keit wegen eignen. Überall ſieht man es darum an Rainen und Wegen gepflanzt, und in La Rambla ſoll es jährlich durch ſeine Menge eine bedeutende Einnahmequelle ausmachen.

Dem Wege von hier nach St. Juan de la Rambla, einem kleinen Dorfe am Strande, folgend, durchſchreiten wir einen rebenbekränzten Barranco, kommen an einzelnen Wohnungen vor⸗ über und halten uns nahe der Brandung, die uns mit ihrem ſalzigen Waſſerſtaube einhüllt. So gewaltig tobt ſie hier gegen das Land, daß ſie fauſtgroße Steine wie Strohhalme mitreißt und uns vor die Füße ſchleudert. Verläuft die Woge, dann rollen die von ihr vorher gehobenen Steine nach und verurſachen längs der Küſte hin ein lautes Geknatter wie Mitrailleuſenfeuer.

An den trocknen Wänden der Felſen nahe dem Saumpfade, auf welchem Reihen von Maul⸗ thieren ſchreiten, um Früchte nach der Stadt oder getrocknete Fiſche, die Hauptkoſt des genügſamen kanariſchen Landmannes, nach den Dörfern zu tragen, treffen wir neue Arten der Hauswurz, Pflanzen, die wohl nirgends mehr in ſo viel Arten und Individuen angetroffen werden wie auf den kanari⸗ ſchen Inſeln.*) Hier bilden die hellgrünen Blattroſetten platte Kuchen von einem Fuß Durchmeſſer

*) In der Stadt Laguna, die 521 Meter über der Meeresfläche liegt, wächſt in Menge Semperv. urbicum. Alle Dachrinnen beſetzt es, auf älteren Dächern ſteht es mit ſeinen großen Blüthenrispen auch in den herablaufenden Rinnen der Hohlziegel, aus unbeworſenen Mauern wächſt es mit ſeinem kurzen Stamme faſt wagrecht heraus, wahr⸗ haft oft eine Art Wieſe an der Wand bildend.