Aufsatz 
Das Thal von Orotava auf Teneriffa
Entstehung
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fallende Eiskraut(Mesembryanthemum crystallinum) vielfach am Boden kriechend. Es reift jetzt ſeine Samen, während kleinere Arten in den Morgenſtunden ihre blaſſen, zerfaſerten Blumen noch ent⸗ falten. Bei Orotava werden dieſe Pflanzen nicht benutzt, auf den trockenen Inſeln Lanzarote und Fuertaventura aber, den öſtlichſten der Kanaren, wird unſer Eiskraut vielfach gepflanzt, nach dem Trocknen auf dem Felde verbrannt, wobei es zut einem Klumpen zuſammenſickert, und dann als Barilla zur Sodagewinnung in den Handel gebracht.

Die auffallendſten Pflanzen an dieſer Uferſtelle aber ſind die Arten von Wolfsmilch, die in nicht geringer Zahl in den trockenen Felsritzen gedeihen und ebenfalls die befeuchtende Nähe des Meeres lieben. Neben kleineren Arten bildet die feinbeblätterte Euphorbia Regis Jubae breite, drei Fuß hohe Sträucher mit rundem fleiſchigem Stengel. Viel eher einem Cactus als einer Wolfsmilch ähnlich aber ſieht die den Kanaren eigenthümliche Euphorbia canariensis. Ihr fehlen völlig die Blätter. Die vier⸗ oder fünfkantigen Stengel ragen bis zu 16 Fuß empor und bilden dicht zu⸗ ſammengeſtellt öfters Gebüſche oder Gruppen von mehr als 20 Fuß Durchmeſſer. Aus einem Stamme, der die mächtige Wurzel wohl auf 50 Fuß weit in dem mageren Boden fortſchiebt, biegen ſich die dicht am Boden beginnenden Äſte, alle von gleicher Dicke, zunächſt bis auf die Steine hinab, um mit kurzer Wendung ſenkrecht empor zu ſteigen. An den Kanten der immergrünen, cactusartig abgeſetzten Stengel ſitzen anſtatt eines Blattes jedesmal zwei kurze Stacheln, über denen eben(im September) die hervorbrechenden Blüthenknospen deutlich werden. Wo man aber die Pflanze verletzt, da rinnt oder ſpritzt ſogar öfters ein Strom dicklichen Milchſaftes heraus, der ſich in dichtem Strahle über die nächſten Äſte hinab auf die Steine ergießt und dort zu einer gelblichen, unter allen Büſchen ſichtbaren Kruſte vertrocknet. Wirft man mit einem Stein durch einen ſolchen Buſch, dann rieſelt aus vielen Wunden der weiße Saft herab. Er gilt bei den Inſulanern als ſehr giftig und wurde früher in unſeren Apotheken alsEuphorbium geführt. Die dicken Stengel, die in wunderlichen Krüm⸗ mungen oft an den Felſen mehrere Fuß weit herabhängen, um dann wieder ſenkrechte Äſte in die Höhe zu ſenden, dienen nach ihrem Trocknen ebenfalls als Brennholz. Um die Pflanze zu tödten, macht man ein hochaufloderndes Feuer um den Buſch, worauf dann in wenigen Tagen die fleiſchigen Äſte braun werden und verdorren. Schacht) erklärt dieſe Wirkung aus dem dicken Wachsüberzuge der Stengel, der ſonſt wohlthätig gegen die Verdunſtung ſchützend durch das Feuer zum Schmelzen gebracht wird und auf der Oberhaut ſich vertheilend die Spaltöffnungen ſchließt, worauf dann der Tod der Pflanze erfolgen muß.

Noch wächſt an den ähnlichen Stellen mit ihr eine durch ihre Form gleich auffallende Com⸗ poſite, die oleanderblättrige Kleinie(Kleinia nereifolia). Daß gleiche äußere Verhältniſſe oft ganz ähnliche Formen bedingen und hervorbringen, ſehen wir vielfach im Thier⸗ und im Pflanzenreiche. Den Cacteen, den Kindern des mexikaniſchen Hochlandes fallen die feinen rundlichen Blätter gleich nach ihrer Entſtehung ab, einige Stacheln bilden ſich an ihrer Stelle.. Der Stengel aber, der nach den Jahrestrieben abgeſchnürt iſt, bewahrt in ſeinem Fleiſche reichliche Saftvorräthe, die gerade in der trockenſten Jahreszeit, wo die Wurzel kaum Nahrung zuzuführen vermag, zur Bildung der Blüthe und Frucht verwendet werden. Die Wolfsmilchgewächſe der trockenen Gegenden Afrikas wie auch die Euphorbia canariensis zeigen Gleiches. Die Blätter fehlen oder fallen nach ihrer Ent⸗

*) Dr. H. Schacht, Madeira und Tenerife mit ihrer Vegetation. Berlin 1859.