Aufsatz 
Ueber den Charakter des Schicksals in Schillers Tragödien / von Theodor Nölting
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

mich der Tochter Flucht. Wir haben hier alſo wie im Wallenſtein die antike Anſicht von dem Neide der Götter, von der oben bereits die Rede war, nur daß dieſe Eigenſchaft hier nicht wie dort unmittelbar dem Schickſal, ſondern dem mehr perſönlich gedachten Dämon zugeſchrieben wird.

Auch darin ſtimmt unſer Stück mit dem Wallenſtein überein, daß den Sternen ein Einfluß auf die menſchlichen Geſchicke zuertheilt wird. Als Iſabella den Ceſar fragt, was ſeine Wahl die Wahl einer Braut geleitet habe, antwortet er:Warl, meine Mutter?

Iſts Wahl, wenn des Geſtirnes Macht die Menſchen Ereilt in der verhängnisvollen Stunde?

Beatrice geſteht dem Manuel, daß ſie bei des Vaters Leichenfeier zugegen war und fügt ſich ent⸗

ſchuldigend hinzu: Doch weiß ich nicht, welch böſen Sternes Macht Mich trieb mit unbezwinglichen Gelüſten. Diego lobt Iſabellas Glücksſtern neben ihrer weiſen Vorſicht, und ſie entgegnet: Ich will nicht eher meine Sterne loben Bis ich das Ende dieſer Thaten ſah. Und als ſie dies Ende geſehen, da ſpricht ſie erbittert: Ob rechts die Vögel fliegen oder links, Die Sterne ſo ſich oders anders fügen, Nicht Sinn iſt in dem Buche der Natur, Die Traumkunſt träumt, und alle Zeichen trügen.

Dieſen Anſchauungen, die größtentheils dem Griechiſchen oder Römiſchen Alterthum, zum geringeren Theil den religiöſen Vorſtellungen der Chaldäer angehören, ſtehen nun Begriffe und Gebräuche zur Seite, welche offenbar dem Chriſtenthum oder insbeſondre dem Katholicismus eigen ſind. Gott ſelbſt in dieſer abſoluten Form findet ſich allerdings nur Einmal im Stücke, wo es von dem Klausner heißt, daß er mit eignen Händen die Hütte angezündet, worin er Gott verehrt ſeit neunzig Jahren, aber öfterer wird in gleichem Sinne der Himmel geſagt, freilich nicht ſelten auch die Himmelsmächte oder die himmliſchen Mächte, was ſich indes vom katholiſchen Standpunkt aus rechtfertigen läßt.

Iſabella ruft einmal die Königin des Himmels an, und der Chor preist die Mutter mit ihrem Sohn als den höchſten Gegenſtand, den die heilige Kunſt darſtellen könne. Es werden auch die Heiligen angerufen von Iſabella, die Engel von Beatricen; es iſt die Rede von Mönchen, von Himmelsbräuten, vom Seelenamt, von dem Reichthum der Chriſtenheit an Gnadenbildern und dergl.

Es kann natürlich keinem Zweifel unterliegen, daß der Dichter ſelbſt das Bedenkliche einer ſolchen Vermiſchung der religiöſen Vorſtellungen verſchiedener Völker und verſchiedener Zeiten gefühlt habe. Ja wir wiſſen es beſtimmt aus ſeiner eigenen Aeußerung, die er am Schluß ſeiner Abhandlung über den Gebrauch des Chors in der Tragödie, welche ſeinem Stücke vorausgeht, hinzugefügt hat.

Eine andere Freiheit, die ich mir erlaubt, ſagt er, möchte ſchwerer zu rechtfertigen ſein. Ich habe die chriſtliche Religion und die griechiſche Götterlehre vermiſcht angewendet, ja ſelbſt an den mauriſchen Aber⸗ glauben erinnert. Aber der Schauplatz der Handlung iſt Meſſina, wo dieſe drei Religionen theils lebendig, theils in Denkmählern fortwirkten und zu den Sinnen ſprachen. Und dann halte ich es für ein Recht der Poeſie, die verſchiedenen Religionen als ein collectives Ganze für die Einbildungskraft zu behandeln, in welchem alles, was einen eignen Charakter trägt, eine eigne Empfindungsweiſe ausdrückt, ſeine Stelle findet. Unter der Hülle aller Religionen liegt die Religion ſelbſt und es muß dem Dichter erlaubt ſein, dieſes auszuſprechen, in welcher Form er jedesmal am bequemſten und am treffendſten findet.

Dieſe Vertheidigung jener Freiheit kann man ſchwerlich genügend finden. Das höchſte Geſetz des Lebens wie der Poeſie, welche doch nur das Leben, die Wirklichkeit, poetiſch verklären ſoll, iſt die Uebereinſtimmung mit ſich ſelbſt, iſt innere Harmonie. Dieſem Geſetze jeder geſunden Natur muß ſich das Fremde fügen, das nur dadurch mit dem Organismus verwächst, indem es deſſen Natur ſich aneignet. So werden Fremdwörter zu einheimiſchen, und der fremde Urſprung wird nicht mehr gefühlt, indem ſie die Deutſche Betonung und