Aufsatz 
Ueber den Charakter des Schicksals in Schillers Tragödien / von Theodor Nölting
Entstehung
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nicht bereits durch Iſabellas Erzählung der beiden Träume das bevorſtehende Schickſal wüßten. Aber wenn das Schickſal ſtets Recht behält, ſo ſoll doch das Herz in uns ſein gebieteriſcher Vollſtrecker ſein, und daß Ceſars Character vom Dichter ſo angelegt ſei, um dieſen Mord des Bruders als nothwendig, ja nur als natürlich erſcheinen zu laſſen, wird ſchwerlich jemand behaupten wollen. Einen eigentlichen Grund ſich zu haſſen haben die Brüder nicht, und es iſt keine Rede davon, daß der jüngere etwa dem älteren das Recht der Nachfolge ſtreitig machen will. Es ſcheint ſo, als ob ſie gemeinſam herrſchen oder ſich in die Herrſchaft theilen wollen. Es ſcheint ſo: denn der Dichter läßt uns über dieſen Punkt völlig im Unklaren. Nun haben ſie ſich mit einander ausgeſöhnt und allem Anſchein nach herzlich und aufrichtig ausgeſöhnt. Die Liebe, welche in ihren Herzen aufgeblüht iſt, hat jenen grundloſen Haß gegen einander ausgelöſcht. Beide haben der Mutter und einander es anvertraut, daß ihr Herz gewählt habe, nur weitere Mittheilungen haben ſie ſich nicht ge⸗ macht, keiner weiß, wie des anderen Verlobte heißt. Wie nahe lag es da, die Möglichkeit zu erkennen, daß Beatrice die gemeinſame Geliebte, oder die gemeinſame Schweſter ſein könne, wie nahe insbeſondere für Ceſar, der ſeine Geliebte erſt zweimal geſehen und zwar zu ihr bei dem zweiten Zuſammentreffen geſprochen, aber von ihr ſelbſt noch kein Wort gehört hatte, ja nicht einmal ihren Namen kennt. Ihren Schrecken, ihr völliges Verſtummen bei ſeiner öffentlichen Werbung nahm er unbegreiflicherweiſe für jungfräuliche Scham. Er erklärt ſie, ohne eine Aeußernng abzuwarten, öffentlich als ſeine Braut und entfernt ſich dann, ohne einen Augenblick mit ſeiner Braut allein geweſen zu ſein und das ſüße Bekenntnis der Gegenliebe aus ihrem Munde vernommen zu haben. Er reicht ihr zwar zum Pfande der Verlobung die ritterliche Rechte, aber er muß doch merken, daß ſie das nur leidet, daß kein Gegendruck das leiſeſte Zeichen der erwiederten Neigung verräth. Gewiß, ſo kann nur ein Unbeſonnener handeln, oder vielmehr, man darf ſagen, niemand kann ſo handeln, es iſt gegen die Natur. Und nachdem Ceſar in ſinnloſeſter Verblendung, ohne ein Wort der Erklärung vom Bruder abzuwarten, den Brudermord vollbracht, da iſt ſeine Haltung erſt recht unnatürlich und wahrhaft em⸗ pörend. Kein Zeichen der Reue über das Entſetzliche, das ſeine Hand gethan,mit Anſehen tritt er zwiſchen die zum Kampf bereiten beiden Chöre und ruhig entfernt er ſich, als wäre Nichts geſchehen: nicht einmal um die ohnmächtige Beatrice bekümmert er ſich und überläßt dies zarte Geſchäft ſeinen Leuten. Dieſem unbegreiflichen Benehmen entſpricht freilich auch die unbegreifliche Haltung Beatricens ihm gegenüber, die nichts kann, als regungslos daſtehen, wenn über ihr Loos entſchieden wird, oder wenn ihrem Geliebten der Todesſtoß droht, dem ſich ein wahrhaftes Weib entgegen geworfen hätte. Ebenſo unbegreiflich iſt Iſa⸗ bellas Benehmen, als Manuel ſie nach den näheren Umſtänden fragt, wann und wo die Schweſter geraubt worden. Statt auf dieſe ſo natürlichen Fragen eine kurze Antwort zu geben, die alles ſofort erklärt, aller Sorge ein Ende gemacht haben würde, drängt ſie ihn zur Eile, während ſie ſich gleichwohl beruhigt, daß Manuel nun doch bleibt und Diegos Bericht anhört, und während ſie nach Manuels Entfernung dem Ceſar allen gewünſchten Aufſchluß giebt. Das alles war in ſolcher Lage widernatürlich. Nur die heftigſte Leiden⸗ ſchaft kann die Menſchen ſo verblenden, daß ſie nicht hören was andere ſagen, oder erſt handeln und dann nachdenken und ſich erkundigen, und eine ſolche Leidenſchaft kann man weder hier bei Iſabella, noch dort bei Ceſarn vorausſetzen. Wenn die Eiferſucht mordet, muß ſie erſt gereizt ſein, ſie muß Zeit haben ſich zu ent⸗ wickeln und alle anderen gemüthlichen Triebe und geiſtigen Vermögen in uns zu unterjochen und ſich dienſt⸗ bar zu machen. Daß der Mohr von Venedig die ſchuldloſe Desdemona tödtet, ja auch daß Ferdinand ſeine Luiſe vergiftet, können wir begreifen, aber nicht, wie Ceſar den Manuel ſo ohne weiteres erſtechen kann.

Dies iſt der ſchwache Punct in der Fabel ſo wie in der Schickſalsidee, welche dieſelbe verkörpern ſoll. Im übrigen hat der Dichter dafür geſorgt, daß uns das Schickſal des fürſtlichen Hauſes nicht als ein allzu grauſames erſcheint. Sehen wir gleich nicht ein, mit welchem Rechte der Chor ſagen kann:

Greuelthaten ohne Namen, Schwarze Verbrechen verbirgt dies Haus,

ſo erfahren wir doch, daß ein ungeſühntes Vergehen und der Fluch des Ahnherrn auf dem fürſtlichen Ge⸗ ſchlechte laſtet. Und Iſabellens ganzes Benehmen, nachdem ſie die Leiche ihres ermordeten Sohnes erblickt hat, ihre Läſterung der himmliſchen Mächte, die Maßloſigkeit ihres Fluchs erſcheint bis zu einem gewiſſen Grade als eine Rechtfertigung des harten Schickſals.