Aufsatz 
Ueber den Charakter des Schicksals in Schillers Tragödien / von Theodor Nölting
Entstehung
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Vergeßt es! Alles iſt verziehen. Alles Tilat dieſer einzge Augenblick. Es war Ein Schickſal, ein unglückliches Geſtirn.

Und ſelbſt Johanna braucht eine ſähnliche Wendung, als ſie vor der Verſöhnung die zum Kampf be⸗ reiten Gegner Burgund und Dunois trennt:

Nicht Schwerter ſollen dieſen Streit entſcheiden, Ein andres iſt beſchloſſen in den Sternen.

Es iſt möglich, daß dieſe Ausdrucksweiſe eine Erinnerung aus dem Wallenſtein iſt, zumal da Don Carlos nichts dergleichen aufweiſt, und gewiß iſt jenes Drama nicht ohne Einfluß darauf geblieben. Indes iſt es bemerkenswerth, daß ſchon Kabale und Liebe eine ähnliche Verbindung enthält. Als Ferdinand mit dem fürchterlichen Entſchluß zu Luiſen kommt ſie zu vergiften, theilt er ihr höhniſch den Wechſel des Schick⸗ ſals mit:Mein Vater billigt meine Wahl. Das Schickſal läßt nach, uns zu verfolgen. Unſere glück⸗ lichen Sterne gehen auf.

Endlich fehlt es auch in der Jungfrau von Orleans nicht an der Mehrheit Götter. Zwar daß der freigeiſtige Talbot jenen berühmten Spruch ſagt:Mit der Dummheit kämpfen Götter ſelbſt vergebens, wird uns weniger auffallen; auffallen muß uns aber dieſer Plural in Johannas Munde, wenn ſie zu Mont⸗ gomery ſagt, der ſiebei der Liebe heilig waltendem Geſetz, dem alle Herzeu huldigen beſchwört, ſeines Lebens

zu ſchonen: Du rufeſt lauter irdiſch fremde Götter an,

Die mir nicht heilig, noch verehrlich ſind. Und noch mehr, wenn ſie zu Raimond ſagt:

Ich habe das Unſterbliche mit Augen

Geſehen, ohne Götter fällt kein Haar

Vom Haupte des Menſchen ꝛc.

Und ſo klingt es ebenfalls etwas heidniſch, wenn ſie ausruft:

Furchtbare Heil'ge! Deine Hand iſt ſchwer! Haſt du mich ganz aus deiner Huld verſtoßen? Kein Gott erſcheint, kein Engel zeigt ſich mehr, Die Wunder ruhn, der Himmel iſt verſchloſſen.

Auch der Maria Stuart leiht der Dichter au einer Stelle dieſe antike Bezeichnung. In der bekannten Unterredung mit Eliſabeth ruft ſie aus:

Denkt an den Wechſel alles Menſchlichen! Es leben Götter, die den Hochmuth rächen. Verehret, fürchtet ſie, die Schrecklichen, Die mich zu Euren Füßen niederſtürzen!

Hier war es offenbar die antike Idee, welche die antike Form herbeiführte. Nicht ſelten findet ſich auch in dieſem Stücke die Form ein Gott in ähnlicher Wendung wie die angeführte Stelle in der Jungfrau.

Am wunderbarſten erſcheint dieſe Miſchung heidniſcher und chriſtlicher, antiker und moderner Vorſtellun⸗ gen und Ausdrucksweiſen in der Braut von Meſſina, die uns noch zu betrachten übrig bleibt.

Die Fabel des Stücks, deren Verwandtſchaft mit der Oedipusſage wir ſchon oben hervorgehoben haben, iſt bekanntlich vom Dichter frei erfunden, die handelnden Perſonen ſind ſehr allgemein gehaltene Charaktere, ebenſo unbeſtimmt iſt die Zeit, in welcher die Handlung ſpielt, wenn man auch ſieht, daß dieſelbe zwiſchen die Nor⸗ manniſche Eroberung Siciliens und die Beſitzergreifung durch die Hohenſtaufen fallen ſoll. Alle dieſe Unbe⸗ ſtimmtheiten ſind der dichteriſchen Geſtaltung nicht zuträglich geweſen, und haben den Dichter verleitet ſich bedenkliche Freiheiten zu geſtatten.

Das Schickſal in der Braut von Meſſina iſt ein entſetzliches und die Art, wie es ſich vollſtreckt, macht auf uns nicht den Eindruck innerer Nothwendigkeit. Daß Ceſar den Manuel ſofort erſtechen muß, wie er Beatricen in ſeinen Armen findet, iſt durchaus nicht motiviert, es müßte uns vielmehr überraſchen, wenn wir