13 O dich verfolgt ein grimmig wüthend Schickſal, Unglückliche! Jetzt— ja jetzt mußt du ſterben, Dein Engel ſelbſt bereitet deinen Fall. Maria ſelbſt, als ſie ſich des liebetollen Mortimers kaum erwehren kann, klagt: O will kein Gott, kein Engel mich beſchützen!
Furchtbares Schickfall! Grimmig ſchleuderſt du Von einem Schrecknis mich dem andern zu.
Eliſabeth nennt in ihrem Selbſtgeſpräch die Maria die Furie ihres Lebens, einen Plagegeiſt, ihr vom Schickſal angeheftet; und indem ſie ſich fragt, ob es denn auch ihre eigene Wahl geweſen gerecht zu ſein, antwortet ſie ſich darauf, daß die allgewaltige Nothwendigkeit, die auch das freie Wollen der Könige zwinge, ihr dieſe Tugend geboten habe.
Von anderer Art als im Wallenſtein und in der Maria Stuart iſt das tragiſche Schickſal in der Jungfrau von Orleans. Johanna ſucht dem harten Schickſal das über ſie heranzieht nicht auszuweichen, ſie hält ſtille bei ſeinen Schlägen und trägt ihr Leid mit ſtummer Ergebung. Bis zu dem Augenblick, wo ſie beim Anblick Lionels, den ſie nach ihrer Auffaſſung von ihrer Sendung tödten ſoll, von dem bis dahin unbe⸗ kannten Gefühl der Liebe ergriffen wird, das die zum Morden erhobene Hand ſchlaff zurückſinken läßt, iſt ſie ein ſchuldloſes Weſen. Denn daß ſie in der Verſuchungsſeene mit dem ſchwarzen Ritter jenen etwas ſtarken Ausdruck gebraucht, der über ihren eigentlichen Auftrag hinausgeht:
Nicht aus den Händen leg' ich dieſes Schwert, Als bis das ſtolze England niederliegt,
worin man hat eine Ueberhebung, einen Uebermuth finden wollen, darin kann doch billigerweiſe keine Schuld gefunden werden, falls man nicht die Worte auf die Goldwage legen will. Ihre Schuld beginnt mit ihrem Blick, wie ſie ſich ſelbſt geſteht, mit der Schwäche, daß ſie dem Eindruck dieſes Blicks nicht widerſtehen konnte, mit der Verſchonung des Feindes, dem ſie das Loos des Montgomery bereiten mußte, und ſie ſteigert ſich, in⸗ dem ſie das Bild eines Mannes in ihrem Buſen Platz nehmen, ja darin herrſchen läßt, während ſie noch die Kriegerin des höchſten Gottes iſt, und ihren Beruf den König zu krönen noch nicht erfüllt hat. Das Schickſal, das ſie nun ſo hart trifft, führt ſie ſelbſt durch die Zartheit ihres Gewiſſens herbei, die ihr jede Ver⸗ ſtellung unmöglich macht. Die Verehrung, die ihr von allen Seiten gezollt wird, wird ihr zur äußerſten Pein, da ſie ſich bewußt iſt ſie gerade jetzt am wenigſten zu verdienen. In dieſem Zuſtand ihrer Seele kann ſie in der Kirche, wo ſie die zürnenden Bilder der Heiligen erblickt, nicht länger ausdauern; ſie ſtürzt hinaus, um ihrem Vater zu begegnen und durch ihre unſichere Haltung, durch die Verwirrung, die ſich auf ihrem An⸗ geſichte malt, ſeine ungerechte Anklage gleichſam herauszufordern. Und nun läßt der Dichter jene ungerechte und in Johannas Sinn doch nicht ganz unwahre Anklage noch durch die Sprache des Himmels unterſtützen und gleichſam beſtätigen. Johanna hat kein Wort der Erwiederung, ja ſie bleibt ſelbſt regungslos, als Dunois um nichts weiter bittet, als daß ſie ihm die Hand reiche, zum Zeichen, daß ſie ſeinen Schutz nicht verſchmähe. Sie will geſtraft ſein für das Unrecht, das ſie ſo lebhaft empfindet, und erſt, als ſie ihr Verbannungsurtheil hört, läßt ſie ſich von Raimond wegführen; aus der Krönungsſtadt, in der ſie ihr Ziel mit höchſter innerer Befriedigung erreicht ſehen ſollte, flieht ſie in die Einöde des Waldes, wo der Sturm fortfährt über ihrem Haupte zu wüthen und rohe Wurzeln ihre Speiſe ſind. In dieſem über ſie verhängten Strafgericht, dem ſie ſich ruhig duldend unterworfen, erhebt ſich ihre gedemüthigte Seele zu neuer Stärke; ſſie beſiegt die Leiden⸗ ſchaft, der ſie ſich hingegeben, und es bedarf nur noch Einer Prüfung, ob ſie auch dem einſt Geliebten gegen⸗ über fähig iſt ſich ſelbſt zu behaupten. Beſteht ſie dieſe, ſo wird ihr der Himmel ſeine Gnade wieder ſchen⸗ ken. Und da ſie ſie beſteht, ſo wird ihr das ſchönſte Loos zu Theil, ſie zerreißt mit wunderbarer Kraft ihre Bande und eilt aufs Schlachtfeld, um noch einmal die Ihrigen, welche mit Reuegefühlen zu ihrer Befreiung herbeigeeilt ſind, aus der Gefahr zu retten, und für dieſe Rettung ihr Leben zu laſſen.
Wir laſſen es dahingeſtellt ſein, ob der Dichter, indem er in dieſer Weiſe das hiſtoriſche Schickſal der Johanna umgeſtaltete, um es zu einem tragiſchen zu machen, in allen ſeinen Erfindungen glücklich geweſen iſt,


