Aufsatz 
Ueber den Charakter des Schicksals in Schillers Tragödien / von Theodor Nölting
Entstehung
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um ſie zu befreien oder doch ihr Loos zu mildern, ins Gegentheil umſchlagen läßt. Ehe die Heldin des Stücks mit gefaßter Seele allen irdiſchen Hoffnungen entſagt und mit dem verſöhnenden Gedanken den letzten Gang antritt,daß Gott ſie würdige durch dieſen unverdienten Tod die frühe ſchwere Blutſchuld abzubüßen, ein Ausſpruch, in dem die Idee der Tragödie vortrefflich ausgedrückt iſt hat ſie bekanntlich auf doppelte Weiſe für ihre Rettung zu ſorgen geſucht, einmal durch ihren Brief an die Königin Eliſabeth, worin ſie dieſelbe um eine perſönliche Zuſammenkunft bittet in der Hoffnung, auf dieſem Wege ſich am leichteſten von dem Verdachte zu rechtfertigen, als ſei ſie an Babingtons Plan gegen das Leben der Königin betheiligt geweſen, ſodann durch ihr Antwortſchreiben an Leiceſter, den der Unwille über die Verlobung der ſo lange von ihm umfreiten Eliſabeth mit dem Dauphin dazu angetrieben hat, ſich der Maria wieder zu nähern und

ihr ſeine neuerſtandene Liebe zu bekennen. Durch Mortimers Vermittelung gelangt dies Antwortſchreiben b

an Leiceſter, während Amias Paulet den Brief an die Königin treu überliefert. Beides thut ſeine Wirkung, der erbärmliche Höfling, der vor jeder entſchiedenen Handlung zurückbebt, ergreift den Ausweg, den ihm das von Maria ſelbſt gewählte Mittel bietet: er beredet die Königin ihr dieſe Bitte zu gewähren, nicht um ihr gerecht zu werden, ſondern um als Braut des Duc von Anjou über die vormalige Königin von Frankreich den Triumph eines eitlen und rachgierigen Herzens zu feiern. Unter ſolchen Umſtänden mußte die erbetene Unterredung den Umſchwung bewirken in Mariens Schickſal. Die tödtlich beleidigte Eliſabeth überwindet ihre Bedenken gegen die Vollſtreckung des Todesurtheils. In ihrem Selbſtgeſpräch ruft ſie aus:

Ohnmächtige! Ich führe beßre Waffen

Sie treffen tödtlich und du biſt nicht mehr.

Ebenſo hat Mortimers unverhoffte Theilnahme für die gefangene Königin und ſein Unternehmen nur den Erfolg die Kataſtrophe zu beſchleunigen. Der Meuchelmörder, der Eliſabeth auf ihrer Rückkehr von Fotheringhay anfiel, war durch jenes Uuternehmen angeregt worden und ſuchte denſelben Zweck auf dem kürzeren Wege zu erreichen. Und eben dieſer neue Mordverſuch erleichterte es der Königin ihre Genehmigung zur Hinrichtung der gehaßten und gefürchteten Gegnerin nicht länger zu verſagen. Endlich konnte Leiceſter das Vertrauen, das ihm Mortimer auf Marias Wunſch geſchenkt hatte, misbrauchen um ſich als Staatsretter darzuſtellen, der den ſchlauen Fanatiker entlarvt, in welchem ſich Eliſabeth ſo gut wie der kluge Burleigh ſo gründlich getäuſcht hatten. Die demüthigende Erkenntnis dieſes Irrthums, mit welcher nun auch die letzte Hoffnung ſchwindet, durch die Hand eines anderen von der Nebenbuhlerin befreiet zu werden, war es nicht weniger als der Unmuth, welchen die Entdeckung eines geheimen Einverſtändniſſes zwiſchen Maria und dem noch immer geliebten Günſtling erzeugte, was das letzte entſcheidende Gewicht in die ſchwankende Wagſchale legte. Mariens Schickſal war entſchieden.

In der Art wie jener Umſchwung in der Lage der Maria erfolgt und wie die Kataſtrophe endlich herbeigeführt wird, zeigt ſich die Einwirkung des Schickſals, wenn wir dies Wort als Kunſtausdruck gebrauchen. Die Perſonen im Drama führen es ungleich ſeltener im Munde als im Wallenſtein, und es wird hier von ihnen jenes Walten, das dort dem Schickſal und im Carlos der Vorſicht zuertheilt wird, weit häufiger unmittelbar Gott zugeſchrieben. So ſagt Eliſabeth zu Daviſon, dem ſie das unterſchriebene Todesurtheil mit einem ſo zweideutigen Auftrage übergiebt:Ja, Sir, Gott legt ein wichtig groß Geſchick In eure ſchwachen Hände. Schrewsbury ermahnt die Königin zum Vertrauen auf Gott, der ſie heute durch ſeine Wunderhand erhalten. Burleigh entſchuldigt ſich, als ihm von Leiceſter vorgeworfen wird, daß er ſich mit ſeiner Geſchäftigkeit das nun wieder aufgelöste Bündnis mit Frankreich zu knüpfen um England wenig Dank verdient habe:Mein Zweck war gut, Gott leitete es anders. Und ſo an mehreren Stellen.

Dagegen mangelt es, wie ſchon bemerkt, nicht an namentlicher Einführung der Macht des Schick⸗ ſals. Mortimer glaubt zu der Verſetzung der Maria von Talbots Schloß uach Fotheringhay, dem Schloß ſeines Oheims,des Himmels wunderbare Rettungshand zu erkennen und fügt dann hinzu:Ein lauter Ruf des Schickſals war ſie mir, Das meinen Arm gewählt Euch zu befreien. Und als er von dem mis⸗ lungenen Mordanfall jenes Fanatikers auf die Königin hört, ruft er ſich in Gedanken an Maria wen⸗ dend aus: