Aufsatz 
Ueber den Charakter des Schicksals in Schillers Tragödien / von Theodor Nölting
Entstehung
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Die Natur in ähnlichem Sinne ſteht an folgender Stelle: Carlos ſpricht von ſeinem Verhältnis zum Vater: Zwei unverträglichere Gegentheile Fand die Natur in ihrem Unkreis nicht. Wie mochte ſie die beiden letzten Enden Des menſchlichen Geſchlechtes Mich und Ihn Durch ein ſo heilig Band zuſammenzwingen? Furchtbares Loos! Warum mußt es geſchehen?

Die anderen Stücke der erſten Reihe geben keine ſo reiche Ausbeute; die geringſte Fiesko, etwas mehr bieten die Räuber; am meiſten Kabale und Liebe, in welchem letzteren Stücke neben der Vorſehung einigemale das Schickſal als eine ſelbſtändige Macht erſcheint.

Das Wort Allmacht findet ſich auch noch im Wallenſtein und zwar in Octavios Munde, er ſagt zu Max in jenem bedeutenden Zwiegeſpräch nach dem Gaſtmahle:Ich ſtehe in der Allmacht Hand; ſie wird Das fromme Kaiſerhaus mit ihrem Schilde Bedecken. Endlich auch im Demetrius in der großen Scene zwiſchen Hiob und Marfa, wo dieſe in die Worte ausbricht:O höchſte Allmacht, habe Dank! Dank! Dank! Daß du mir endlich Rettung, Rache ſendeſt!

Die Vorſicht oder Vorſehung kommt weder im Wallenſtein noch in den folgenden Tragödien vor, dagegen nennt Queſtenberg, der Abgeſandte des frommen Kaiſerhofes, es eine ſichtbare Fügung des Himmels, daß Wallenſtein den Feind an ſeiner Seite im Octavio nicht ahnt.

Selten iſt es, daß ſtatt der unperſönlich vorgeſtellten Vorſehung oder Allmacht geradezu Gott genannt wird, wie wenn Octavio am Schluß des Dramas Buttlern Vorwürfe macht und ausruft:

Die raſche Vollſtreckung an das Urtheil anzuheften Ziemt nur dem unveränderlichen Gott.

Ueberhaupt wird dies Wort im Wallenſtein faſt nur in Ausrufungen gebraucht, oder bei Betheuerungen, oder bei Wünſchen oder Verwünſchungen(Gott verhüte! Gott ſtraf mich!), bisweilen tritt der Himmel an deſſen Stelle, wie wenn Thekla ſagt:

Auf unſerm Hauſe liegt der Fluch des Himmels oder bei dem erwähnten Ausdruck: Es iſt des Himmels ſichtbarliche Fügung.

An Einer Stelle bedient ſich der Dichter des Wortes Weltgeiſt, in jener bekannten Stelle, wo er den

Wallenſtein ſagen läßt: . 6 Es giebt im Menſchenleben Augenblicke, Wo er dem Weltgeiſt näher iſt als ſonſt ꝛc. ꝛc. Selten iſt noch im Wallenſtein die Mehrheit: Götter, die ſpäter ſehr häufig erſcheint, öfter der Plural: Mächte in dieſem Sinn. So ruft Wallenſtein aus, als er in ſeinen Entſchließungen ſchwankt: Zeigt einen Weg mir an aus dieſem Drang, Hülfreiche Mächte! Einen ſolchen zeigt mir, Den ich vermag zu gehen!

Es leuchtet ein, daß den Dichter bei ſeinem großen Drama Wallenſtein ſchon der Stoff veranlaßte, einzelnen ſeiner Perſonen und vor allen ſeinem Helden die Vorſtellung von der Macht des Schickſals zu leihen. Der Aberglaube Wallenſteins und ſeiner Zeit, daß das Verhängnis in den Sternen zu erkennen ſei, läßt ſich ſchwerlich mit dem Glauben an eine Vorſehung vereinen oder gar darauf gründen. Anders verhielt es ſich offenbar mit den beiden folgenden Stoffen, die er tragiſch verwerthete, mit Maria Stuart und der Jungfrau von Orleans. Gleichwohl tritt auch hier das Schickſal im Munde der Hauptperſonen als eine bewegende Macht auf.

Sehen wir zunächſt von dieſem Gebrauch des Wortes ab und verfolgen wir den Gang, den das Schickſal in jenem allgemeineren Sinne in der Maria Stuart nimmt um das Ziel zu erreichen, den Tod der ſchuld⸗ befleckten Königin durch Henkers Hand, ſo haben wir auch hier Gelegenheit die Kunſt des Dichters zu bewundern, der jedes Mittel, welches Maria anwendet oder welches in ihrem Intereſſe angewandt wird