Aufsatz 
Ueber den Charakter des Schicksals in Schillers Tragödien / von Theodor Nölting
Entstehung
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10 Es liegt die Frage nahe, wie ſich zu dieſem neuen Standpunct des Dichters, ſo wie ſeiner dramatiſchen Charaktere die Tragödien der früheren Periode verhalten, und namentlich wird es von Intereſſe ſein, für dieſen Zweck den Don Carlos zu vergleichen. In dieſem Stück kommt das Wort Schickſal wenn mir nichts entgangen iſt überhaupt nur an vier Stellen vor, und an drei derſelben im ſubjectiven Sinne, als das jemanden zuertheilte Loos. So ſagt die Königin zur Eboli, welche ſie bittet, ſie möge nicht geſtatten, daß ſie aufgeopfert werde:

Es iſt ein hartes Schickſal auf geopfert werden, und die Eboli ſagt ſcherzend zu Carlos, welcher meint, daß

nur der die Liebe kenne, der ohne Hoffnung liebe:O ſtill, das klingt ja fürchterlich! Und freilich Scheint dieſes Schickſal Sie vor allen andern, Und vollends heute, heute zu verfolgen. Endlich am Schluß der Tragödie, als Carlos ſich von der Königin verabſchiedet, ſagt er:Jetzt trotz' ich jedem Schickſal der Sterb⸗ lichkeit. Ich hielt Sie in den Armen Und wankte nicht. An der vierten Stelle kann man zweifeln, ob es nicht objectiv zu faſſen iſt. Carlos hat die Königin gefragt, ob ſie nie geliebt. Als ſie antwortet, daß ſie nicht mehr liebe, fragt er:Weil es Ihr Eid, weil es Ihr Herz verbietet? Darauf entgegnet ſie:Weil meine Pflicht Unglücklicher, wozu Die traurige Zergliederung des Schickſals, Dem Sie und ich gehorchen müſſen?

großen Freunde. An einer anderen Stelle dagegen kommt das Wort Weltverhängnis in objectivem Sinne vor, als die bewegende Macht. 3 Poſa ſagt zu Philipp: Sie wollen Allein in ganz Europa ſich dem Rade Des Weltverhängniſſes, das unaufhaltſam In vollem Laufe rollt, entgegenwerfen? 1 Mit Menſchenarm in ſeine Speichen fallen?

Sonſt überall, an beiläufig zwölf Stellen, nimmt im Carlos die Vorſicht oder Vorſehung die Stelle ein, die im Wallenſtein das Schickſal oder Verhängnis ausfüllt; bisweilen ſteht dafür auch die Allmacht oder auch die Natur. Ich gebe einige Beiſpiele.

Als Carlos zuerſt ſeinen Poſa erblickt, ſpricht er:

Wem dank ich dieſe Ueberraſchung? Wem?

Ich frage noch? Verzeih dem Freudetrunknen, Erhabne Vorſicht, dieſe Läſterung!

Wem ſonſt als Dir, allgütigſte? Du wußteſt, Daß Carlos ohne Engel war, du ſandteſt

Mir dieſen, und ich frage noch?

Und ſpäter fragt er ſeinen Freund: Ach, Roderich! Eathülle Du dies wunderbare Räthſel Der Vorſicht mir. Warum von allen Vätern Juſt eben dieſen Vater mir? u. ſ. w.

Ebenſo drückt ſich die Königin aus, ſie ſagt zu Carlos: Hoch ſtellte Sie die Vorſicht, höher, Prinz, Als Millionen Ihrer andern Brüder.

Auch Poſa redet ſo: als er zum Könige gerufen wird und ein kurzes Selbſtgeſpräch hält, ſagt er: Den Zufall giebt die Vorſehung Zum Zwecke Muß ihn der Menſch geſtalten

und gleich darauf: Und wärs

Auch eine Feuerflocke Wahrheit nur, In des Despoten Seele kühn geworfen Wie fruchtbar in der Vorſicht Hand!

An einer andern Stelle ſagt Poſa: Geprieſen ſei die Allmacht, die es gelingen ließ.

Ebenſo iſt das Wort Verhängnis einmal ſubjectiv gebraucht:Europas Verhängnis reift in meinem