Aufsatz 
Ueber den Charakter des Schicksals in Schillers Tragödien / von Theodor Nölting
Entstehung
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Gordon, nicht meines Haſſes Trieb ich liebe

Den Herzog nicht und hab dazu nicht Urſach

Doch nicht mein Haß macht mich zu ſeinem Mörder, Sein böſes Schickſal iſt' s. Das Unglück treibt mich, Die feindliche Zuſammenkunft der Dinge.

Es denkt der Menſch die freie That zu thun,

Uamſonſt. Er iſt das Spielwerk nur der blinden

Gewalt, die aus der eignen Wahl ihm ſchnell

Die furchtbare Nothwendigkeit bereitet.

Es war Buttlers eigene Wahl, daß er Octavios Aufforderung ſich vom Wallenſtein zu trennen mit der Bitte begegnete ihn bei ihm zu laſſen, um ihn deſto ſicherer zu verderben. Der erſte furchtbare Ausbruch der Erbitterung ſeines gekrankten Herzens iſt verraucht; jetzt bei einer ruhigeren Stimmung möchte er das Aeußerſte vermeiden aberdie blinde Gewalt des Schickſals legt ihm die nicht mehr gewollte That als furchtbare Nothwendigkeit auf.

Das Schickſal wirkt um ſo erſchütternder im Wallenſtein, da es nicht nur den vornehmlich ſchuldigen Helden trifft, ſondern auch ſein ganzes Haus, ſo wie ſeine getreuen Anhänger.

Es liegt eine ſolche Mitleidenſchaft in der Natur der Dinge, gleichwohl berührt es uns unangenehm in der lebendigen Vergegenwärtigung, welche das Drama ſchafft, wenn in den Fall des ſchuldigen Hauptes ſo viele unſchuldige Glieder verwickelt werden. Es wird daher die Aufgabe des Dichters ſein, dieſe Glieder in die Schuld des Helden zu verſtricken oder ſonſt doch eigne Schuld auf ſich laden zu laſſen.

In unſerem Stücke hat der Dichter für dieſe Verſöhnung des Zuſchauers geſorgt. Es braucht nicht erörtert zu werden, in wie weit Terzky und ſeine Gattin, und in wie weit Illo Theil haben an Wallenſteins verrätheriſchem Unternehmen; aber auch Thekla iſt nicht frei von Schuld, ſo wenig dieſelbe auch mit der der übrigen Perſonen auf gleiche Linie zu ſtellen iſt. Thekla iſt ein ächt tragiſcher Charakter, ſie iſt von Einer Leidenſchaft ganz erfüllt und läßt ſich völlig von ihr leiten. Der Zug des Herzens iſt ihr die Stimme des Schickſals. Nicht nur daß ſie dem Geliebten ihre Neigung frei bekennt, während ſie dieſelbe weder der Mutter noch dem Vater vertrauet; ſie bedenkt ſich auch nicht ganz dieſem Zuge ihres Herzens zu folgen, als ſie die Nachricht von dem Tode des Geliebten empfangen; ſie verläßt die Mutter und eilt ſeinem Grabe zu, um dort ſich mit ihm wieder zu vereinen. Sie gleicht in dieſer Rückſichtsloſigkeit ihrer Liebe der Shakeſpeareſchen Julie; auch die Beatrice in der Braut von Meſſina hat einzelne Züge mit ihr gemein.

Dieſe Liebe hat plötzlich ihren Geiſt gereift und ihr eine Sicherheit gegeben, die ſie eben ſo entſchieden handeln läßt, wie ſie die Verhältniſſe klar durchſchauet. Darum mochte es dem Dichter geſtattet ſein, ihr jene düſtren Betrachtungen in den Mund zu legen, welche ſich nicht minder auf das Schickſal ihres Hauſes als auf ihr eignes beziehen:

Es geht ein finſtrer Geiſt durch unſer Haus Und ſchleunig will das Schickſal mit uns enden. Aus ſtiller Freiſtatt treibt es mich heraus.

Ein holder Zauber muß die Seele blenden, Es lockt mich durch die himmliſche Geſtalt,

Ich ſeh ſie nah und ſeh ſie näher ſchweben, Es zieht mich fort mit göttlicher Gewalt,

Dem Abgrund zu, ich kann nicht widerſtreben.

Und an einer andern Stelle, wo ſie zu Max ſpricht: Auf unſerm Hauſe liegt der Fluch des Himmels, Es iſt dem Untergang geweiht. Auch mich Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben Hinabziehn. Traure nicht um mich: mein Schickſal Wird bald entſchieden ſein. 2