Aufsatz 
Ueber den Charakter des Schicksals in Schillers Tragödien / von Theodor Nölting
Entstehung
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ſeine Selbſtverblendung, wird ihm ſeine Leidenſchaft verderblich, und ſo gilt für das Schickſal der Alten jener ſchöne Spruch unſeres Dichters:

Recht ſtets behält das Schickſal: denn das Herz

In uns iſt ſein gebietriſcher Vollſtrecker.

In gewiſſem Sinne iſt demnach das Schickſal keine Eigenthümlichkeit der alten Tragödien oder derjenigen neuern, welche mit bewußter Abſicht die antike Auffaſſung nachzuahmen ſuchten. Es iſt das Schickſal die natürliche Folge, die ſich aus dem leidenſchaftlichen Handeln des Helden unter Mitwirkung der Verhältniſſe mit Nothwendigkeit ergiebt, es iſt die Logik der Thatſachen, die ſich vernichtend an ihm offenbart. Durch ſeinen Charakter führt er ſein Schickſal herbei. In dieſem Sinne können wir in jeder Tragödie die Macht des Schickſals erkennen.

Es würde uns indeſſen zu weit führen, wenn wir das Schickſal in den Tragödien unſeres Dichters in dieſem allgemeineren Sinne betrachten wollten. Wir beſchränken uns deshalb auf diejenigen Stücke, in denen das Schickſal mehr oder weniger als bewegende Macht hervortritt. Dies ſind der Wallenſtein, Maria Stuart, die Jungfrau von Orleans und die Braut von Meſſina.

Die Dramen unſeres Schiller zerfallen bekanntlich der Zeit nach in zwei große Gruppen; die eine bilden die Jugenddramen, wie man ſie gewöhnlich nennt, das ſind die Räuber, der Fiesko, Kabale und Liebe und Don Carlos, der ſich freilich von den drei erſten wieder merklich unterſcheidet und eigentlich einen eigenen Charakter hat, während jene einander auch der ganzen Weltanſchauung nach ſehr nahe liegen. Die zweite Gruppe liegt von dem letzten Stück der erſten, dem Don Carlos, der 1786 beendigt wurde, nicht weniger als elf Jahre entfernt. Der Wallenſtein wurde erſt gegen Ende des Jahres 1797 ernſtlich angegriffen und war im März 1799 vollendet: die übrigen Tragödien folgen ungefähr von Jahr zu Jahr auf einander. Von dem Tell ſehen wir hier ab, da dies Stück ja keine Tragödie iſt.

Die elf Jahre, in denen unſer Dichter ſich aller dramatiſchen Schöpfungen enthielt, waren für ſeine dichteriſche Geſtaltungskraft keine verlornen. Er genügte einem lebendig gefühlten Bedürfnis ſeines Geiſtes nach einer Erweiterung ſeines Geſichtskreiſes durch hiſtoriſche Studien und nach einer Vertiefung ſeiner Er⸗ kenntnis durch eingehende Beſchäftigung mit der Philoſophie. Jenem Triebe des Dichters verdanken wir ſeine Geſchichte des Abfalls der Niederlande und die Geſchichte des dreißigjährigen Krieges, dieſem eine Reihe vortrefflicher Abhandlungen auf dem Gebiete der Aeſthetik. Neben dieſen hiſtoriſchen und philoſophiſchen Studien und Arbeiten beſchäftigte er ſich eifrig mit den claſſiſchen Werken der großen Griechiſchen Dichter, freilich nur durch das Mittel guter oder doch genauer Ueberſetzungen; und es gelang ihm auf eine ſeltene Weiſe in den Geiſt des Alterthums einzudringen; wovon unter anderem ſeine ſinnige Deutung und Behand⸗ lung antiker Mythen wie in ſeiner Klage der Ceres und ſeinem Eleuſiniſchen Feſt ein ſchönes Zeugnis iſt. So erlangte er jene Reife des Geiſtes, jenes edle Maaß, jenen geläuterten Geſchmack, die uns in ſeinen ſpäteren Schöpfungen ſo angenehm berühren, waͤhrend wir hier wie dort die Erhabenheit ſeiner Ideen und den Schwung ſeiner Sprache bewundern.

Der Wallenſtein iſt alſo das erſte Stück, in dem ſich die ſchönen Früchte aller dieſer Studien zeigten, in dem insbeſondere das antike Schickſal als bewegende Macht erſcheint. Und dieſe Macht tritt nicht nur in dem Gange der Begebenheiten und in der Kataſtrophe hervor, auch die handelnden Perſonen haben von der Einwirkung derſelben ein deutliches Bewußtſein und ſprechen dies nach ihrer Weiſe aus, nach der eigen⸗ thümlichen Auffaſſung, welcher ſich der Charakter einer jeden zuneigt. Nicht jede ſeiner Perſonen verräth daher und am wenigſten in allen ihren Aeußerungen die Anſicht des Dichters; und andererſeits ſcheint hie und da eine Perſon weit mehr des Dichters Anſichten darzulegen als ihren eigenen Empfindungen und An⸗ ſchauungen Worte zu leihen..

Der wunderbare Schickſalswechſel im Laufe des dreißigjährigen Krieges, die tiefe Demüthigung des Kaiſers durch das ſiegreiche Vordringen des Schwediſchen Königs wenige Jahre, nachdem Ferdinand alle ſeine Gegner in Deutſchland beſiegt und den Dänenkönig gezwungen hatte den Lübecker Frieden anzunehmen, Tilly's Niederlage bei Leipzig, ſein Tod in Ingolſtadt, Guſtav Adolfs Einzug in die Baieriſche Hauptſtadt, alle dieſe Ereigniſſe hatten Wallenſtein in die Lage gebracht, für die erneuete Uebernahme des Oberbefehls,