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Mutter giebt ſich ſelbſt den Tod. Oedipus beraubt ſich ſeines Augenlichtes und geht in die Verbannung, um dann endlich im Attiſchen Lande ein erſehntes Ende zu finden.
Dieſer gräßliche Stoff, um dies hier ſogleich anzureihen, erinnert uns an die Fabel in unſeres Dichters Braut von Meſſina, und die Aehnlichkeit tritt noch mehr hervor, wenn wir die Vorgeſchichte und die Nachgeſchichte jener Haupthandlung mit in Betracht ziehen. Wie in der Braut von Meſſina ein Traum dem Vater das Elend vorherſagt, das die Geburt einer Tochter in ſeinem Hauſe anrichten ſoll, ſo ward dem Vater des Oedipus, dem Laios, ein Orakel verkündet, daß er von Sohnes Hand ſterben werde. Darum ſetzten die Eltern den Knaben gleich nach ſeiner Geburt erbarmungslos aus, und damit er deſto ſicherer umkomme, durchbohrte ihm der Vater die Knöchel. Die Väter ſind alſo in beiden Stücken einander ähnlich, nicht ſo die Mütter. Denn während dort die Jokaſte eben ſo unmütterlich handelt wie der Laios unväterlich, iſt das Muttergefühl in der Iſabella, freilich durch ein Traumbild unterſtützt, doch ſo mächtig, daß ſie des Vaters grauſame Abſicht vereitelt. Eine andere Aehnlichkeit findet ſich in der Nachgeſchichte der Oedipusſage mit dem Schillerſchen Stücke. Die beiden Söhne des Oedipus entzweien ſich über die Herrſchaft, der eine vertreibt den andern, dieſer kehrt mit einem Hülfsheere zurück und im Zweikampf durchbohren ſich gegenſeitig die feindlichen Brüder.
In der Regel wird Oedipus als ein ſchuldloſes Opfer des grauſamen Schickſals angeſehen; aber wenn wir gleich zugeſtehen müſſen, daß die Vorherverkündigung deſſen, was ein Menſch thun wird, nichts weniger als eine Wohlthat für denſelben iſt, ſo bleibt ihm doch der freie Wille, und Oedipus macht den grauſen Spruch nur wahr, weil das Herz ihn dazu treibt.
Sicher handelt er ſehr unbeſonnen und ſehr leidenſchaftlich— ſowohl bei der Ermordung des Vaters wie bei der Heirath mit der Mutter.
Hätte nicht Oedipus, dem es verküudet war, er werde den eignen Vater tödten, überhaupt vor einem Todtſchlag ſich hüten ſollen und zumal vor dem Todtſchlag eines Greiſes, der ſein Vater ſein konnte? Und mußte er ſich nicht in gleicher Weiſe hüten vor der Vermählung mit einer Frau, die dem Alter nach ſeine Mutter ſein mochte, wenn ihm eine ſolche Vermählung vorhergeſagt war? Oedipus aber begnügt ſich nicht einmal mit dem Einen Todtſchlag, er tödtet auch alle Begleiter des Greiſes. Und dieſe That beunruhigt ihn nicht im mindeſten; kurz darauf vermählt er ſich mit der leichtſinnigen Wittwe, die es ſogar verſäumt, nach dem Mörder ihres erſten Gemahls Nachforſchungen anſtellen zu laſſen— er genießt ſein Herrſcherglück und ſein Familienglück mit vollkommener Gemüthsruhe, und als endlich die ſpäte Rache erſcheint, zunächſt in dem Unglück des beherrſchten Landes, das von Mißwachs und Peſt heimgeſucht wird, und ihm auf ſein Befragen nach der Heilung des Uebels von dem Delphiſchen Gott die Antwort wird, es ſolle der im Lande lebende Mörder des Laios entweder verbannt oder getödtet werden, da ſpricht er den furchtbarſten Fluch aus über den Mörder, ohne zu ahnen, daß er ſich ſelbſt verflucht; und als ihm bald darauf der Seher Tireſias verkündet, daß er ſelbſt durch ſeine Gegenwart eine Sühnſchuld auf das Land lade, und ihm ſein unnalürliches Ver⸗ hältnis zu ſeinem Weib und ſeinen Kindern genugſam andeutet, da brauſt er auf gegen den Seher in ungerechter Wuth, aber in ſeine Vergangenheit geht er nicht prüfend zurück; und in gleicher Verblendung verharrt er, während er andre anklagt und ihnen unreine Beweggründe unterſchiebt, wenn ſie ihm unan⸗ genehme Wahrheiten offenbaren. Erſt als er gar nicht mehr zweifeln kann, bricht endlich ſeine ſtolze Sicherheit, ſeine Selbſtüberhebung plötzlich zuſammen, und da er mit ſehenden Augen blind war, ſo blendet er ſich nun ſelbſt, nachdem er zur Einſicht gekommen.
In dieſer Weiſe behandelt der größte Griechiſche Tragiker, Sophocles, jenen furchtbaren Stoff und weiß durch dieſe Charakterzeichnung ſeines unglücklichen Helden die erſchütterten Gemüther der Zuſchauer mit dem Walten des Schickſals zu verſöhnen.
So großen Einfluß alſo das Schickſal bei den Alten auf den Menſchen übt, der von ihm betroffen wird, ebenſo wie die Umſtände, wie die Macht der Verhältniſſe es noch fort und fort auf alle Lebende thun, ſo erſcheint doch niemals der Menſch willenlos dem Verhängnis Preis gegeben. Gewöhnlich führt er ſein Schickſal durch eben dieſelben Mittel herbei, durch die er es vermeiden wollte, aber mehr noch als ſeine Unklugheit,


