ſtark widerſpricht, aber immerhin zur Erklärung jener Erſcheinung dienen mochte. Es war der Neid, der Neid über vollkommenes Glück, das ein Vorrecht der Götter war und darum auf Seiten der Menſchen als eine Anmaßung, eine Ueberhebung galt. Am ausführlichſten und deutlichſten finden wir dieſe Anſicht bei Herodot ausgebildet und er verſäumt nicht leicht eine Gelegenheit um ſie eindringlich vorzutragen.„Siehſt Du nicht“, läßt er den beſonnenen Artabanos zum erres ſagen,„wie Gottes Donner immer die erhabenſten Geſchöpfe trifft und ſie ſich nicht erheben läßt in ihrem Uebermuth, die kleinen ihn aber gar nicht reizen. Siehſt Du, wie ſein Blitz immer in die größten Gebäude und in die höchſten Bäume ſchlägt. Denn Gott pflegt zu zertrümmern alles was ſich erhebt. Alſo wird auch ein großes Heer von einem kleinen geſchlagen, wenn Gott aus Neid einen Schrecken über ſie bringt oder einen Donner, wodurch ſie denn ſchmählicherweiſe vernichtet werden: denn Gott leidet nicht, daß ein anderer ſich hoch dünke außer ihm“.
So ſprachen die Alten offen und unbefangen aus, was mehr oder weniger jede menſch liche Bruſt fühlt, die Furcht für den Beſtand des gegenwärtigen Glücks, das laut zu verkünden eine Herausforderung ſcheint gegenüber einer unklar gedachten feindlichen Macht, welche Luſt daran hat es zu zerſtören.
Dieſe Ideen erlangten bei den Alten die größte Klarheit in Folge der gewaltigen Ereigniſſe, welche die Weltherrſchaftspläne der Perſiſchen Monarchen an dem kräftigen Widerſtand des kleinen und durch ſeine Spaltung in mehrere Staaten anſcheinend machtloſen Griechenvolkes zu Schanden werden ließen. Dieſer ungeheure Umſchlag von dem höchſten Glück zur Erniedrigung, von der übermüthigſten Erhebung zum ver⸗ ächtlichſten Kleinmuth war die einleuchtendſte Beſtätigung des allgemeinen Glaubens; und es mußte die dramatiſchen Dichter anregen, dieſe Wahrheit in immer neuen Beiſpielen dem empfänglichen Volke dichteriſch zu verklären. Die alten Stammſagen erhielteu dadurch, nach Gervinus ſchönem Ausdruck, eine wunderbar helle Beleuchtung und in den Schickſalen der Vorfahren ſchauten die Griechen die poetiſchen Bilder der Gegenwart.
Unter jenen alten Stammſagen ſchienen zwei vor allen die Macht des Schickſals zu verkündigen, die Pelopiden⸗ und die Labdakidenſage; jene zeigte eine fortlaufende Kette von Freveln, die einer den andern erzeugten, und ſo das Geſchäft der Rache wie im Auftrag einer höhern Gewalt vollzogen; dieſe deckte am einleuchtendſten die Ohnmacht des Menſchen auf dem verhängten Schickſal zu entgehen.
Die erſtere Sage iſt aus Göthes Iphigenie bekannt, die andere iſt zwar durch keinen Deutſchen Dichter verherrlicht worden, gleichwohl darf im allgemeinen auch ihre Kenntnis vorausgeſetzt werden, da ſie gerade als ein Beweis für die eigenſte Natur des antiken Schickſals häufig angeführt wird. Aber eben deshalb müſſen wir etwas näher auf ſie eingehen. Der eigentliche Held derſelben iſt bekanntlich jener Oedipus, der unwiſſend ſeinen Vater erſchlägt und ſeine Mutter heirathet.
Wenn je, ſo ſchien in dieſem Falle das antike Schickſal ſich in ſeiner ganzen Entſetzlichkeit zu zeigen. Oedipus, von ſeinen Eltern, dem König Laios von Theben und der Jokaſte, ausgeſetzt und von dem kinder⸗ loſen Königspaare zu Korinth, denen er als Findling gebracht war, an Kindes Statt auferzogen, wird als Jüngling durch die Aeußerung eines Genoſſen in ſeinem Glauben irre, daß die, welche er ſo lange als ſeine Eltern geehrt, ſeine wirklichen Eltern ſeien. Durch die beſchwichtigende Erklärung derſelben nicht beruhigt, befragt er das Delphiſche Orakel um Aufſchluß; aber ſtatt der gewünſchten Auskunft erhält er den furcht⸗ baren Spruch, er werde ſeines Vaters Mörder werden und mit der eigenen Mutter ſich vermählen, um⸗ ein den Menſchen grauſes Geſchlecht zu erzeugen. Oedipus beſchließt nun nicht wieder nach Korinth zurückzu⸗ kehren, da ſein Zweifel nicht gelöst iſt, alſo die Möglichkeit bleibt, daß das Korinthiſche Königspaar ſeine wirklichen Eltern ſind. Planlos, wie es ſcheint, umherſtreifend, trifft er mit ſeinem wirklichen Vater zu⸗ ſammen, der auf einem Wagen fahrend, welchen ein Herold lenit, in einem Engpaſſe den jungen Wanderer aus dem Wege drängt, worüber Oedipus erzürnt den Wagenlenker ſchlägt. Dieſen Schlag vergilt der Alte, als Oedipus an ihm vorüberzieht, in ſtärkerer Weiſe, und dafür erleidet er von Oedipus den Tod, er ſowohl wie ſeine Begleiter, von denen nur Einer feige entflieht. Dann gelangt Oedipus nach Theben, rettet dieſe Stadt von der Sphinx, die bis dahin jeden Wanderer, welcher ihr Räthſel nicht löſen konnte, vom Felſen niederſtürzte, und empfängt zum Dank dafür den erledigten Thron mit der Hand der Wittwe. Aus dieſer Ehe entſprießen vier Kinder, und der Greuel wirde rſt, nachdem ſie faſt erwachſen ſind, entdeckt. Die unglückliche


