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Beſtimmung einwirkt. In gleichem Sinne werden auch die angeführten Wörter Geſchick und Verhängnis gebraucht.
Es iſt bemerkenswerth, daß dieſe drei Begriffe und zwar in beiden Bedeutungen teine alten Wörter unſerer Sprache ſind. Das Mittelalter kannte ſie nicht, es gebrauchte aber das Zeitwort verhängen, d. h. eigentlich hangen laſſen, geſchehen laſſen, von göttlichen Schickungen. Und ſo viel iſt auf den erſten Blick klar, daß im objectiven Sinne der Begriff des Schickſals der chriſtlichen Weltanſchauung fremd ſein muß, welche nur Fügungen Gottes oder das Walten der Vorſehung anerkennen kann, nicht aber ein Schickſal als eine ſelbſtändige Macht, wie dies die Alten thaten. Der Begriff iſt vielmehr weſentlich der antiken Welt⸗ anſicht entnommen, welche mit dem erneueten Studium der antiken Poeſie und des claſſiſchen Alterthums überhaupt ſeit dem funfzehnten Jahrhundert mindeſtens in den Kreiſen der Gelehrt en, dann der Gebildeten überhaupt ſich Eingang und bis zu einem gewiſſen Grade Geltung perſchaffte.
Aber ſelbſt bei den Alten, d. h. für unſre Frage, den Griechen, hatte das Schickſal oder Verhängnis nicht von vorne herein die Bedeutung einer ſelbſtändigen Macht. In den Homeriſchen Geſängen gilt im allgemeinen der Wille des Zeus als höchſtes Geſetz, und nur in den wichtigſten Fragen ſtellt er die Ent⸗ ſcheidung der etwas dunklen Moira anheim, indem er in die goldene Waage zwei Looſe legt, von denen das zum Himmel emporſchnellende Leben und Glück, das der Erde, alſo auch dem Hades, zuſinkende Tod und Verderben bedeutet. Jedenfalls iſt Zeus und ſind mit ihm auch die anderen Götter Vollſtrecker des Verhäng⸗ niſſes; ſie könnten daher auch wohl einmal nicht vollſtrecken, denn wer wollte ſie, wer vor allen Zeus, zwingen? Und in der That denkt Zeus einmal in der Ilias daran bei einem ſeiner Lieblinge den Schickſals⸗ ſpruch nicht auszuführen, läßt ſich jedoch von ſeiner Frau auf den richtigen Weg zurückführen.
Allmählich gewann indes die Moira in der Vorſtellung der Griechen den Vorrang vor den Göttern; und der fromme Vater der Geſchichte, Herodot, ſpricht es geradezu aus, daß dem Schickſale zu entgehen ſelbſt einem Gott unmöglich ſei; höchſtens kann ein ſolcher die Erfüllung desſelben aufhalten und verſchieben, oder auch wohl ſeine Strenge mildern. Die Menſchen dagegen ſind vollſtändig ſeinem Willen unterworfen.
Dieſe allmähliche Umwandlung der urſprünglich unbeſtimmten Moira zu einer beſtimmtern ſelbſtändigen Macht entſprach dem Bedürfnis des menſchlichen Geiſtes, die Leitung der menſchlichen Angelegenheiten und insbeſondere der Weltgeſchicke lieber von einer unerbittlichen und darum unparteiiſchen Nothwendigkeit aus⸗ gehen zu laſſen, als von den ſo menſchlich gedachten Göttern, von deren Thun Willkür und Laune nicht aus⸗ geſchloſſen ſchien— wenigſtens wie ſie die Darſtellung der Dichter der Phantaſie des Volkes eingeprägt hatte. Die philoſophiſch gebildeten Griechen indes, die hier zu unterſcheiden wußten, ſetzten die Götter wieder in ihr urſprüngliches Recht ein und ließen die Geſchicke von ihnen entſcheiden, ſo z. B. der Athener Xenophon, der Schüler des Socrates.
Aber auch Herodot, in dem wir gewiß mit Recht annehmen dürfen die eigentliche Auffaſſung ſeines Volkes in der damaligen Zeit zu erkennen, bedient ſich weit häufiger der concreten Bezeichnung: die Götter oder auch ganz einfach des Wortes Gott oder der Gott, endlich auch des unperſönlichen Begriffs: das Göttliche, als daß er die Moira in Thätigkeit ſetzt. Inſofern nun die Götter die Weltgeſchicke, ſo wie die Schickſale der Einzelnen beſtimmen, ſo muß in ihrer Natur eine Erklärung gefunden werden für die Art und Weiſe, wie erfahrungsmäßig ſich dieſe Lenkung vollzieht. Die Erfahrung zeigt aber im Leben des Menſchen einen Wechſel zwiſchen Freude und Leid, zwiſchen Glück und Unglück, und in der Regel iſt dieſer, Wechſel um ſo ſtärker und empfindlicher, je weiter ſich Glück oder Unglück von einer gewiſſen mittleren Linie entfernt haben, ſo daß ein ſchweres Leid durch ein folgendes großes Glück und ein übermäßiges Glück durch den Umſchlag in ein tiefes Leid gewiſſermaßen ausgeglichen wird. Nur ein mittleres Loos, mit dem ſich der Menſch beſcheidet, kann vor Unglück bewahren: dagegen ſind die Hohen und Mächtigen der Erde am eheſten der Gefahr ausgeſetzt ein glückliches Leben mit einem unwürdigen Ausgang zu beſchließen. In der Regel fand der religiöſe Sinn der Griechen ein ſolches Loos durch den Uebermuth, durch den Mangel an Selbſt⸗ beherrſchung bei den Mächtigen gerechtfertigt und das Schickſal erſchien ihnen als Nemeſis, als die rächende und ſtrafende Gottheit;— doch nicht immer mochten ſie einen ſolchen Grund für den Schickſalswechſel erkennen können, und ſo legten ſie ihren Göttern eine Eigenſchaft bei, welche einer reineren Auffaſſung allerdings


