Aufsatz 
Ueber den Charakter des Schicksals in Schillers Tragödien / von Theodor Nölting
Entstehung
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Aeber den Charatter des Schickſals in Schillers Tragödien. Von Dr. Theodor Nölting.

Auf keinen unſerer großen Dichter hat das Alterthum und insbeſondere die Griechiſche Welt einen tieferen Eindruck gemacht und ihn mit reinerer Bewunderung erfüllt als unſeren Schiller. In ſeinen lyriſchen Gedichten preist er jene Zeiten als die ſchöneren, jenes Volk als das edlere; ihre poetiſche Natur⸗ anſchauung erhebt er weit über unſere nüchterne Naturwiſſenſchaft, er beklagt es, daß uns von jenen lebens⸗ warmen Bildern nur der Schatten übrig geblieben; er weiß es ſo ſchön zu würdigen, wie ſich ihre Cultur in ſelbſtändiger und reiner Entwicklung bis zu jenem in ſich vollendeten Perikleiſchen Zeitalter entfaltete; er deutet ſo ſinnig die antiken Mythen; er entnimmt dem Sagenkreiſe der Alten ſo gern ſeine Stoffe; er gebraucht mit Vorliebe die alten Götternamen, um einen abſtracten Begriff zu veranſchaulichen; er wählt ſeine glänzenden und farbenreichen Bilder am liebſten aus dem Kreiſe ihrer Vorſtellungen. Die Homeriſche Welt war ihm am meiſten vertraut, und in ihr mit ſeinem Geiſte weilend, fühlte er ſeine Seele erfriſcht und verjüngt. Wie aber ſeine dichteriſche Anlage ihn entſchieden auf das ernſte Drama hinwies, ſo wurde ihm auch je länger je mehr die Griechiſche Tragödie ein Gegenſtand des eifrigſten Studiums. Er bewunderte ihre Idealität, jene Erhebung der gemeinen Wirklichkeit zur ſchönen Wahrheit; ja er verſuchte die eigen⸗ thümliche Form, in der ſich die antike Tragödie gemäß den Bedingungen von Ort und Zeit und Volksart geſtaltet hatte, auf die moderne Tragödie zu übertragen, und in mehr als Einem Stücke machte er das antike Schickſal, wie er es auffaßt, zur bewegenden Idee der Handlung.

Die folgenden Blätter machen den Verſuch, dieſen letzteren Gegenſtand, der eine ſo verſchiedene Auffaſſung erfahren hat, eingehender zu behandeln und den Charakter des Schickſals, wie ihn Schillers Tragödien vom Wallenſtein bis zur Braut von Meſſina zeichnen, in gemeinverſtändlicher Weiſe dar⸗ zuſtellen.

Das Wort Schickſal iſt uns im täglichen Leben in einer anderen Bedeutung geläufig, als die hier gemeint iſt. Wir ſprechen von dem Schickſal eines Menſchen, und meinen ſeine äußere Lage, ſeine bürgerliche und ſociale Stellung, ſeine Familienverhältniſſe, in ſo weit all dies nicht ſowohl oder jedenfalls nicht allein aus ſeinem eigenen Streben hervorgegangen, ſondern durch die Macht der Verhältniſſe ihm zugefallen oder entzogen iſt; und darum iſt Schickſal in dieſem Sinne ziemlich gleichbedeutend mit dem Worte Loos. So hat ein jeder von uns ſein Loos gezogen, iſt einem jeden ein beſtimmtes Schickſal geworden, oder auch es ſoll ihm werden, es ſteht ihm bevor. Wir wiſſen, hier wirken Inneres und Aeußeres, Willensfreiheit und Zwang der Umſtände zuſammen. Einen ähnlichen Sinn haben auch die mehr poetiſchen Ausdrücke Geſchick und Verhängnis. Aber nicht in dieſer ſubjectiven Bedeutung gilt das Schickſal in der Tragödie, vielmehr iſt es hier, objectiv, eine ſelbſtändige Macht, welche eben die ſubjectiven Schickſale der Einzelnen beſtimmt oder doch auf deren

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