Aufsatz 
Beobachtungen über den homerischen Sprachgebrauch / Johannes Classen
Entstehung
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Bindemittel sich deutlich zu erkennen geben. Alles dasjenige, was dieser Beobachtung, die wir hier näher auszuführen beabsichtigen, angehört, bezeichnet die Grammatik durch den Gegensatz der parataktischen und hypotaktischen Satzverbindung, und versteht unter der letzteren die in organischen Zusammenhang gebrachte, unter jener die lockerer an ein- ander gereihte Verknüpfnng der eng zusammengehörenden Gedankenglieder. Es ist be- kannt, wie weit in die spätre Zeit der griechischen Prosa, mit und ohne bewusste Absicht der Schriftsteller, dieser Gegensatz hinabreicht, und wie sehr die griechische Sprache vor- zugsweise, nicht selten zum Vortheil der naiven Anschauung und Auffassung der gene- tischen Entwicklung des Gedankens, an der logisch unvollkommnern Gestaltung des Satzes festgehalten hat ²). Auch diese späteren Erscheinungen der Sprache werden um so mehr im richtigen Verhältnisse und vollen Lichte erkannt werden, je mehr es gelingt, sie in ihrem frühesten Auftreten bei Homer unter bestimmten Gesichtspunkten schärfer ins Auge zu fas- sen. Das grosse Interesse, welches jeder aufmerksame Blick in die grosse Werkstätte des Geistes, die in der menschlichen Rede uns zu Tage liegt, dem denkenden Menschen gewährt, möge bei theilnehmenden Lesern den nachfolgenden Bemerkungen zu Gute kommen, welche in den bescheidenen Gränzen einer speziellen Untersuchung sich haltend, einige einfache Thatsachen der homerischen Sprache in ihrem Wesen zu erkennen bemüht sind.

1. Es ist eine nothwendige Eigenschaft der ausgebildeten und abgeschlossenen Periode, dass sie nicht parenthetische Zwischensätze duldet: denn der Charakter dieser, die grammatische Unabhängigkeit von ihren Umgebungen, steht in directem Widerspruch zu dem Wesen der Periode, welche alle Theile des Gedankens zu einer zusammenhängenden Gliederung ordnet. Demnach vermeidet auch der durchgearbeitete Ausdruck alter und neuer Sprachen keineswegs durchaus die Parenthese; sondern er benutzt sie nicht selten mit gutem Vortheil für den Nachdruck und die Lebhaftigkeit der Mittheilung indem er durch dieselbe gleichsam dem Bedürfniss des Augenblicks, der nicht mehr zur regelmässigen Ein- fügung eines nachträglichen Momentes die Zeit ſindet, sein Recht lässt. Wenn auch ein Schriftsteller von der regelrechten Abgemessenheit eines Isocrates selten und fast nur in einigen stehenden Wendungen Veranlassung zum Gebrauch einer Parenthese findet, weil die überlegte Disposition jeder Periode jedem Satzgliede zur rechten Zeit seinen Platz anweist, so haben doch Thucydides, Plato und Demosthenes es sich nicht versagt, ihrer Sprache durch gelegentliche Aufnahme parenthetischer Zwischensätze den Charakter der Lebendigkeit zu geben, welche noch von einer augenblicklichen Einwirkung ihre Be- stimmung empfangen kann.

Aber viel weiter reicht in dieser Beziehung der homerische Sprachgebrauch. Indem er noch häufig dem natürlichen Andringen der Gedankenentwicklung sich unterord-

2) Ueber einige besondere Arten der Parataxis der griechischen Prosa handeln besonders lehrreich Buttmann au Demosth. Mid. p. 129. und C. F. Hermann de protasi puratactica im Götting. Universitäts- Programm. Ostern 1850.