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Umfang ins Auge gefasst: Hoffmann's musterhaſte Quaestiones Howericae haben über wichtige metrische Fragen neues Licht verbreitet; Buttmann's und Doederlein's lexi- logische Untersuchungen entweder neue Belehrung oder fruchtbare Anregung gegeben. Nicht in gleichem Maasse ist die Beobachtung der homerischen Syntaxis fortgeschritten und zu übersichtlichen Resultaten gediehen: zwar hat Thiersch sie mit sorgfältigem Fleisse behandelt, und die Commentare von Nitzsch zur Odyssee und von Naegelsbach zu den ersten Gesängen der Ilias sind reich an vortrefflichen Bemerkungen über eigenthümliche Erscheinungen des syntaktischen Sprachgebrauchs Homer's. Allein auch auf diesem Gebiete wird es noch umfassender Vorarbeiten, in der Weise der Hoffmann'schen Quaestiones, bedürfen, welche von festen Gesichtspunkten aus das Thatsächliche vollständig und über- sichtlich zusammenstellen, um einen völlig gesicherten Boden zur klaren Beurtheilung des Verhältnisses zwischen der homerischen und der späteren griechischen Sprache zu gewinnen.
Wenn ich auf den folgenden Blättern einen Beitrag zu dieser Betrachtungsweise zu liefern versuche, indem ich einige beachtungswerthe Punkte des homerischen Sprachge- brauchs näher erörtere, so machen diese Bemerkungen indess nicht den Anspruch schon abschliesslich dasjenige zu leisten, was ich für wünschenswerth halte, was aber einer um- fänglicheren Arbeit vorbehalten bleiben müsste. Es ist bei der Mittheilung einiger nur als Probe sich gebender Beobachtungen unter Anderem auch meine Absicht, den Beweis zu lie- fern, dass auch auf diesem Wege, wie häufig durch die metrischen Untersuchungen von Hoffmann und Ahrens, das Verständniss mancher Stellen der homerischen Gedichte be- stimmter zu fassen und die Lesart des Textes sichrer zu stellen ist.
So sehr die Lebendigkeit, die Beweglichkeit und die Anschaulichkeit der Sprache des alten Sängers, ganz abgesehen von der poetischen Behandlung des reichen Stoffes, immer aufs Neue unsre Freude und Bewunderung erregt und fesselt, zumal wenn wir den Zeit- raum von etwa vier Jahrhunderten erwägen, der sie von der Blüthe der attischen Poesie trennt; so werden wir doch nur mit erhöhtem Interesse solche Eigenthümlichkeiten seines Ausdrucks betrachten, in welchen die Spuren der noch minder ausgebildeten und zur völlig entsprechenden Form hindurchgedrungnen Gliederung des Gedankens erkennbar sind. Nicht als ob wir in der blühenden Sprache der epischen Poesie zu den stammelnden An- fängen der menschlichen Rede zurückgeführt würden: im Gegentheil ihre Fähigkeit, den mannichfaltigsten Wendungen und Schwingungen des Denkens und Empfindens durch die Fügung und Verbindung des Wortes nachzugehen, ist staunenswerth. Namentlich ist die Grundbedingung der Periode, welche wesentlich auf der Anwendung der relativen Verknüp- fung, d. h. der Verkettung von Satz zu Satz durch die Benutzung eines wiederkehrenden Momentes in mehreren eng verbundnen Gliedern beruht, und welche den grössten Fort- schritt der menschlichen Rede zur Darstellung der innerlichen Gedankenentwicklung ent- hält, bereits zur vollständigen Durchbildung und Ausübung gelangt. Aber es ist in hohem Grade anziehend zu beobachten, in welchen bestimmten Formen und Wendungen auch noch die Uebergänge von den isolirten Sätzen zur geschlossnen Periode durch unvollkommne


