Aufsatz 
Zur Mineralogie des Plinius / von August Nies
Entstehung
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IJ. Die Kennzeichen der Mineralien bei Plinius.

Von besonderem Interesse für den Mineralogen ist es zu sehen, dass man sich zur Zeit des Plinius im wesentlichen bereits derselben Hilfsmittel zum Bestimmen der Mineralien bediente wie heute; denn wenn wir absehen von der chemischen Zusammensetzung und den damit zusammen- hängenden chemischen Reaktionen, die man heute mit Recht für die wesentlichsten Kennzeichen der Mineralien hält, die man aber auch noch sechzehnhundert Jahre nach Plinius nicht beachtete, und von den Hilfsmitteln, welche die erst in unserem Jahrhundert so ausserordentlich ausgebildete Physik, insbesondere die Optik, dem Mineralogen geliefert hat, die jedoch erst in den letzten Dezennien allgemein benutzt werden, so giebt es kaum ein Merkmal, eine Erscheinung, die nicht auch schon von Plinius bei der Beschreibung seiner Mineralspecies und zwar meist da, wo sie besonders charakteristisch ist, angeführt worden wäre.

Schon Plinius wusste, dass die Krystallform nicht etwas Zufälliges, sondern etwas für die einzelnen Arten Charakteristisches sei; denn er giebt sie z. B. bei der Beschreibung des Berg- krystalls als besonderes Kennzeichen an, und wenn er sich auf die Frage, warum diese Krystalle gerade sechsseitig seien, keine befriedigende Antwort geben kann, so ist er in dieser Beziehung nicht unwissender als wir heute. ¹) Auch ist die Beschreibung einzelner Formen vollkommen deutlich; denn wenn er von dem sog. indischen Diamant, der nach ihm eine gewisse Verwandtschaft mit dem Quar⸗z (crystallus) hat, sagt, dass er, wie dieser, durchsichtig und nach zwei entgegengesetzten Seiten mit sechs glatten Flächen zugespitzt ist, wie wenn zwei Kreisel an ihrer breiten Stelle miteinander verbunden sind, so erkennt man leicht die Form der ringsum ausgebildeten eingewachsenen Quarze(Pvorherrschend und 0 P untergeordnet). Die Angabe der Krystallform genügt hier jedenfalls um zu zeigen, dass diese erste Art von Diamanten, welche Plinius anführt, die sog. indischen, gar keine eigentlichen Diamanten waren, sondern wasserhelle Quarze, die der Volksmund auch heute noch alsMarmaroscher oderStolberger u. a. Diamanten bezeichnet. ²) Die betr. Stelle lautet: primum Indici non in auro nascentis sed qua- dam erystalli cognatione, siquidem et colore tralucido non differt, et laterum serangulo levore turbinatus in mucronem e duabus contrariis partibus, quo magis miremur, ut si duo turbines latissimis partibus Jungantur, magnitudine etiam abellani nuclei XXXVII. 56. Wenn Blümner(Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen und Römern, Bd. III S. 232) sagt, dass durch diese Angaben die Form des Diamantes nach dem Urteil der Mineralogen richtig beschrieben sei, und sich dabei auf Krause(Pyrgoteles S. 32) und indirekt auf de Romé de l'Isle(Cristallographie, p. 192 sqq.) stützt, so muss dem entgegen gehalten werden, dass die Diamanten, die in den Formen des regulären Systems, namentlich oktaedrisch, krystallisieren, niemals wiezwei mit den breiten Grundflächen zusammenstossende sechsseitige Pyramiden, wie Blümner gewiss richtig übersetzt, aussehen. Es hat dies aber auch de Romé de l'Isle durchaus nicht behauptet. Die betreffende Stelle in dessen Cristallographie lautet: La forme la plus simple et la plus parfaite que puisse avoir le

1) guare(erystallus) nascatur serangulis lateribus, non facile ratio inveniri potest, eo magis quod negque in mucronibus eadem species est et ita absolutus laterum levor est, ut aulla id arte possit aequari XXXVII. 26. Bei den Citaten ist stets die Ausgabe von D. Detlefsen benutzt, die gerade in den letzten Büchern alle frühere Aus- gaben in vielen wesentlichen Punkten verbessert.

2) vergl. Lenz, Mineralogie der Griechen und Römer, Anm, 594.