welche diesen Knaben zu Theil wurde sagt Udalrich, dass kein Königskind im Palaste mit grösserer Sorgfalt erzogen werden könne, als der geringste Knabe in Cluny. ¹)
Auf gastliche Aufnahme der Pilger und Armen wird in der Regel Benedict's ein ganz besonderes Gewicht gelegt, in jedem Fremdling solle man Christus selbst zu beherbergen meinen. In Cluny kam man dieser Vorschrift, dem Reichthum des Klosters entsprechend, nach. Ausser achtzehn Armen, die eine stehende Präbende hatten und gewissermaassen zur Klostergemeinde mitgerechnet wurden, erhielt jeder Pilger, welcher die Gastfreundschaft des Klosters in Anspruch nahm, auf einige Tage Kost und Unterhalt und, war er dessen bedürftig, bei seiner Weiterreise einen Zehrpfennig mit auf den Weg. Zwei Säle waren für die Beherbergung der Gäste ein- gerichtet, einer für die Fussreisenden, der andere für angesehenere Personen; sogar für den Hufbeschlag der Thiere war Fürsorge getroffen. An jedem der zahlreichen Gedächtnisstage wurde eine bestimmte Zahl von Armen gespeist. Kurz vor Beginn der Fastenzeit empfing jeder, der an die Pforten des Klosters pochte, eine Gabe an Fleisch, und diese Spende scheint viel Anklang gefunden zu haben. 17 000 Arme, erzühlt Udalrich, ²) meldeten sich an einem Tage, und nicht weniger als das Fleich von 250 Schweinen wurde unter sie vertheilt. Vom Abt Hugo selbst wird gerühmt, dass er unermüdlich in Werken der Liebe gewesen sei, oft sah man ihn mit eigener Hand Kleider und Schuhe für die Armen verfertigen, ganze Schaaren derselben strömten ihm auf seinen Reisen entgegen, und Summen, wie sie dem mächtigsten König genügen konnten, sagt sein Biograph Rainald, theilte er häufig unter sie aus.
Weitläufig verbreitet sich Udalrich über die sacralen Gebräuche und Functionäre des Klosters. Wir glauben jedoch ihm auf dies Gebiet nicht folgen zu sollen und erwähnen nur noch, dass man in Cluny bis zur„Zeit des Abtes Pontius das hl. Abendmahl nach griechischer Weise nahm, indem man das Brod in Wein tunkte.
Fragen wir nun zum Schluss, worin die Gebräuche Cluny's von der alten Benedictiner- regel abwichen, so liegt diese Abweichung vornehmlich auf dem liturgischen Gebiet. Sonst kann man im allgemeinen sagen, hat die Regel Benedicts in Cluny weniger Veränderungen erfahren als eine grössere Bestimmtheit erhalten. Durch bis ins einzelnste gehende Vorschriften wurde jede selbstständige Regung des Individuums unterdrückt und alles in einen starren Formalismus gezwängt, durch eine Verschärfung und unnachsichtige Handhabung der Zucht, durch die peinlichste Aufsicht suchte man der Schwäche der menschlichen Natur entgegenzutreten und eine Umgehung der Regel unmöglich zu machen. Und thatsächlich hatte eine Reihe vortreff- licher Aebte, unterstützt durch die unabhängige Stellung des Klosters, ihren Mönchen eine Ge- sinnung einzupflanzen gewusst, welche sie mit Freuden die Pflichten demüthigen Gehorsams, selbstloser Entsagung und hingebender Andacht erfüllen liess. Dieser Wandel, dem christlichen Ideal jener Zeit entsprechend, brachte sie bald bei Volk und Fürsten in solchen Ruf der Heilig- keit, dass man sie nach Lambert's von Hersfeld Ausdruck»nicht für Menschen, sondern für Engel, nicht für Fleisch, sondern für Geist hielt.«»Dem Schmutz aller Erdenlüste entrückt,« heisst es in einer Urkunde, ³)»schwingen sie sich auf Adlersfittigen unermüdlich gen Himmel empor.«
¹) Lib. III, 8. ²) III, 11.*) Migne CLIX, 980.


