14
Für länger als ein Decennium fliessen uns von nun an über die persönlichen Beziehungen des Abtes von Cluny zu den Päpsten fast keine Nachrichten zu, andere Aufgaben, namentlich die Reform verschiedener Klöster und der Aufbau des Ordens von Cluny, nahmen gerade in dieser Zeit seine Thätigkeit in Anspruch. In Rom verfolgte man indess das gesteckte Ziel mit Ausdauer und Erfolg weiter, das innerlich gekräftigte Papstthum wusste alle der deutschen Herrschaft feindlichen Elemente in Italien auf seine Seite zu ziehen und sich siegreich gegen das drohende Schisma zu behaupten. Bald konnte es sogar einen Versuch machen in die deut- schen Verhältnisse selbstthätig einzugreifen. Im Jahr 1071 hatte der Abt Robert vom Michaelis- kloster in Bamberg um eine bedeutende Geldsumme— Lambert von Hersfeld gibt wohl übertrieben den Preis auf 1000 Pfund reinsten Silbers an— die Abtei Reichenau aus der Hand des Königs erhalten, aber in diesem Stift einen bedeutenden Widerstand gefunden. Das gab dem Papst die erwünschte Gelegenheit zur Einmischung. Der simonistische Abt wurde wieder- holt zur Verantwortung nach Rom geladen, und als er im Vertrauen auf den Beistand des Königs nicht erschien, abgesetzat und in den Bann gethan. Es galt den jungen König zu gewinnen, diesem Spruch Roms, gewissermaassen die Einleitung des Investiturkampfs, sich nicht zu widersetzen. Diese Aufgabe fiel dem Abt von Cluny zu, und gewiss befähigte ihn sein Pathenverhältuiss zu dem König am besten zu dieser Sendung, ihm konnte derselbe leicht gewähren, was er andern Unterhändlern abschlagen musste. Mit der Kaiserin Agnes, deren Vermittelung vom Herzog Rudolf von Schwaben in Anspruch genommen war, reiste der Abt nach Deutschland. Zu Worms traf er am 25. Juli 1073 mit dem König zusammen und seinen Vorstellungen gelang es deuselben zur Bestätigung des päpstlichen Urtheilsspruches zu bewegen. Abt Robert musste auf Befehl des Königs seinen Hirtenstab niederlegen, ¹) der erste Erfolg, welchen Rom im deutschen Investiturkampf, wenn auch diesmal noch durch friedliche Ver- mittelung errang. Von der Anwesenheit des Abtes von Cluny am deutschen Hofe erhalten wir noch Kenntniss durch eine Urkunde vom 27. Juli, in welcher der König eine den Cluniacensern von einem elsässischen Ritter gemachte Schenkung bestätigte. ²) Der Text dieser Urkunde unterscheidet sich in nichts von den üblichen Urkundentexten und ist weit entfernt von dem warmen und herzlichen Ton, den wir Heinrich III. anschlagen sahen.
Hatte man bis dahin den Kampf versteckt geführt und allenfalls durch persönliche Einflüsse seine Zwecke zu erreichen gesucht, so änderte sich die Lage der Dinge, als mit Gregor VII ein Mann von rücksichtsloser Entschiedenheit und durchgreifender Strenge den päpstlichen Thron bestieg. Zwischen ihm, der das oberste Richteramt über alles irdische in seine Hand gelegt glaubte, und Heinrich IV, welcher es schon als Beleidigung seiner königlichen Würde ansah »von Jemand auch nur getadelt oder zurecht gewiesen zu werden,« ³) war ein friedliches Ver- hältniss auf die Dauer nicht möglich. Und in dem Kampf, der nun ausbrach, war die Stellung des Abtes von Cluny keine leichte; verbanden ihn doch mit dem deutschen Königshause alte, mit Liebe von beiden Seiten gepflegte Beziehungen, persönliche Freundschaft mit der Kaiserin Agnes, das geistige Band der Pathenschaft mit Heinrich IV selbst. Andrerseits mussten ihm die Grundsätze, die Cluny von jeher vertreten und denen auch er sich nicht entziehen konnte, der Gehorsam gegen die Befehle Roms, der dem Mönch gebührte, persönliche Verbindung mit den Häuptern der kirchlichen Partei und endlich der Vortheil seines Klosters, das der Freund-
¹) Lambert. Annal. ad 1072 M. G. SS. V, 191, Regist. I, 82.(Ich citire stets nach der Ausgabe von
Jaffé). ²) Stumpf 2757. ³) Vgl. Gregorii epp. coll. Jaffé II, 538 extr.»indigne ferens se a quoquam reprehendi aut corripi.«


