Aufsatz 
Hugo I. der Heilige, Abt von Cluny : 1. Teil
Entstehung
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III.

Die Beziehungen des Abtes Hugo zu Papstthum und Kaiserthum bis zum Tode Urbans II.

Es begann sich ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte der abendländischen Christen- heit vorzubereiten, als Hugo die Leitung Cluny's übernahm, und gewiss ist es ein merkwürdiges Zusammentreffen, dass um dieselbe Zeit der Bischof Brun von Toul den päpstlichen Stuhl bestieg und der Mönch Hildebrand aus seiner unfreiwilligen Verbannung nach Rom zurück- kehrte. Schon den Zeitgenossen drängte sich die Bedeutsamkeit dieses Ereignisses auf. Bald bildete sich die Sage, dass jene drei Männer gleich bei Beginn ihrer Laufbahn zusammengetroffen und lange Unterredungen über die Gebrechen der Kirche gepflogen hätten. Wenn auch diese Zusammenkunft in das Reich der Dichtung gehört, ¹) die Wichtigkeit jener Thatsache tritt darum nicht minder hervor. Sind es doch diese Männer, an deren Namen sich ein mächtiger Auf- schwung des kirchlichen Lebens knüpft, welche der reformatorischen Bewegung Bahn brachen und die Richtung anwiesen. Die Geschichtschreiber jener Zeit überbieten sich in den schwärzesten

¹) Bonitho ad amicum lib. V(Jaffé Bibl. II, 630) berichtet, dass Hildebrand nach dem Tode Gregors VI, der, wie sich aus Anselm Gest. epp. Leod. M. G. SS. VII, 228 ergibt, gegen Ende d. J. 1047 oder Anfang 1048 erfolgte, nach Cluny begeben habe,»ibi monachus effectus est et inter religiosos viros adprime phylosophatus est.« Diese Angabe tritt so bestimmt auf, dass man ihr vielfach Glauben beigemessen. Trotzdem ist sie erdichtet. Zunächst erwähnt Hildebrand selbst nirgends dieses Aufenthalts, obwohl sich in seinen Briefen an Abt Hugo oft genug dazu Gelegenheit bot, und dass er eine solche nicht verschmähte, zeigt z. B. sein Brief an Anno von Cöln(Registr. I, 79 ed. Jaffé), wo er sich über seinen Aufenthalt in der Diöcese Cöln ausspricht. Sollten sich ferner die Biographen Hugos die Gelegenheit haben entgehen lassen einer solchen Thatsache Erwäühnung zu thun? Berichten sie doch sämmtlich über seine Anwesenheit in Cluny, als er 1055 Legat in Frankreich war. Ja Hildebert bemerkt ausdrücklich, dass erst seit dieser Zeit zwischen beiden Männern ein engerer Verkehr eingetreten(Ex tunc ille familiaritatem servi Christi devotius amplexatus est). Hildebrand lebte vielmehr nach Gregors Tode in ver- schiedenen Klöstern des Rheinlands, wie sich sowohl aus der Vit. Theod. And. abb. M. G. SS. XII, 51 ergibt denn wo anders kann dieser die Freundschaft Hildebrands gewonnen haben?, als auch aus Bruno's Worten (Vita Leonis bei Watterich Vit. Pont. Rom. I, 35 seq.)»illis autem diebus(zur Zeit der Wahl Leo's IX) erat ibi (zu Worms) monachus quidam Romanus, Ildebrandus nomine... Iverat autem illuc tum discendi causa tum etiam ut in aliquo religioso loco sub b. Benedicti regula militaret«). Die letzten Worte Bruno's, der einfach das Factum, dass Hildebrand zwangsweise nach Deutschland kam, zu vertuschen suchte, scheinen übrigens die erste Veranlassung zu dem Märchen von dem Aufenthalt in Cluny gegeben zu haben. Paul von Bernried(Vit. Greg. pap. Watterich I. c. 477) spinnt dann in gleich unbestimmten Ausdrücken die Fabel weiter aus, indem er Hildebrand nach Frankreich gehen lässtdomiturus inibi carnis petulantiam et molestia peregrinationis et instantia eruditionis.« Wenn man bei spätern Schriftstellern häufig liest, Hildebrand sei zu Cluny unter Hugo Mönch und Prior gewesen, so ist dies weiter nichts wie eine Verwechselung mit einem Mönch Hildebrannus, der zur Zeit der Aebte Maiolus und Odilo in Cluny Prior war und die Abtswürde mehrmals zurückwies(Odilo's Vit. S. Maioli in Bibl. Clun. 282), eine Verwechselung, die sich schon Duchesne (Notae ad Bibl. Clun. 84) zu Schulden kommen lässt. Derselbe Bonitho erzühlt dann weiter, dass der Abt von Cluny in Begleitung Hildebrands mit dem nach Rom ziehenden neuen Papst zu Besangon zusammengetroffen und letzterer den Hildebrand,»quem multis precibus ab abbate vix impetraverat,« mit sich nach Rom genommen habe. Eine gleichfalls erlogene Geschichte. Denn Hugo erfuhr nach Hildeberts nicht anzuzweifelndem Bericht »apud Teutonicos« den am 1. Januar zu Souvigny erfolgten Tod Odilo's, also kaum viel vor dem 20. Januar, und darauf erst kehrte er nach Cluny zurück, wo er sicherlich vor Mitte Februar nicht anlangte, und daraus erklärt sich die Verzögerung der neuen Abtswahl bis zum 20. Februar. Leo muss aber schon Anfangs Januar Besançon passirt haben, kann also unmöglich mit einem Abt von Cluny, den es damals ausserdem gar nicht gab, daselbst eine Zusammenkunft gehabt haben.