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Biographie verfasste er noch einen Abriss des Lebens Hugo's in Distichen, eine Art Grabschrift in grossem Stil.
Aus den vorhandenen Lebensbeschreibüngen, namentlich Ezelo's, Gilo's, Hildebert's und Rainald'’s stellte ein Mönch eine Anzahl Wunder und Geschichten, die ihm zur Erbauung der Brüder und Verherrlichung des Abtes besonders geeignet erschienen, zusammen. Einen selbst- ständigen Werth kann diese Zusammenstellung nicht beanspruchen, sie schliesst sich ihren Quellen meist ganz wörtlich an und ist nur insofern von Interesse, als sie aus verlorenen oder ungedruckten Berichten einige wichtige Nachrichten mittheilt.
So hätten wir denn einen dem Umfange nach ziemlich reichhaltigen Stoff zur Geschichte des Abtes Hugo; nur wenigen geschichtlichen Persönlichkeiten dürfte eine gleiche Beachtung zu Theil geworden sein. Es war die Bedeutung des Mannes selbst, das liebevolle Andenken, das man ihm in Cluny widmete, die grosse Verbreitung der Congregation, welcher er vorgestanden, das Vorbild der Evangelien, hinter deren Zahl die der Lebensbeschreibungen des Heiligen von Cluny nicht zurückstehen sollte, das Lesebedürfniss der Mönche, der Geschmack der Zeit, der sich vornehmlich Heiligenlegenden zuwandte, was diese Erscheinung erklärt. Aber trotz der Fülle, welche Armuth an greifbaren Thatsachen, wie gering die Ausbeute für den Geschichtsforscher! Pietätsvollen Leichenreden sind diese Biographien vergleichbar, aber es sind weniger die Thaten, die vor den Augen der Welt glänzen, als die, welche den Himmel sichern, denen sie geweiht sind. Für das ausserklösterliche Wirken des Abtes, für die Stellung, welche er in den grossen Fragen seiner Zeit einnimmt, geben sie uns nur ein sehr abgeschwächtes Bild, Bruchstücke, die zu einem Ganzen schwer zu vereinigen sind, so dass wir uns dem Bedauern Baronius' und Mabillon's auschliessen, dass ein so bedeutender Mann nicht einen seiner würdigen Geschicht- schreiber, wie sein Freund Anselm von Canterbury in Eadmer, gefunden habe.
Eine Prüfung in Bezug auf die historische Glaubwürdigkeit dieser Biographien kann bei solcher Sachlage als überflüssig erscheinen, betheuern sie doch alle, die reine Wahrheit zu berichten, und so weit sie sich auf dem Gebiete geschichtlicher Thatsächlichkeit bewegen, ist daran auch nicht zu zweifeln. Und die Wunder? Man muss sie eben aufnehmen als das, was sie sind—»des Glaubens liebstes Kind.«
Glücklicher Weise besitzen wir ausser diesen legendenhaften Erzühlungen noch ein mannigfaches Material zur Geschichte des Abtes Hugo. Von höchster Wichtigkeit sind die in diesem Zeitraume besonders zahlreichen päpstlichen Bullen zu Gunsten Cluny's, ein lebendiges Zeugniss des innigen Verhältnisses, in dem dies Kloster zu Rom stand. ¹)
Eine nicht geringere Bedeutung dürfen die sonstigen, Cluny betreffenden Urkunden beanspruchen, ein umfangreiches, weit zerstreutes, vielfach noch ungedrucktes Material, zu dessen Zusammenstellung neuerdings der Anfang gemacht ist. ²) Wie in allen Klöstern, ver- wandte man auch in Cluny grosse Sorgfalt auf die Erhaltung der Besitztitel. Bereits Odilo liess die Urkunden seiner Vorgänger in ein besonderes Urkundenbuch zusammentragen, das von seinen Nachfolgern fortgeführt wurde. Die Urkunden aus der Regierungszeit des Abtes Hugo erreichen allein die stattliche Zahl von 739. ³)
*) Sie sind gesammelt im Bullarium sacri ordinis Cluniacensis. Lugduni 1680, fol. ²) Recueil des chartes de l'abbaye de Cluny, formé par A. Bernard, completé, revisé et publié par Al. Bruel, tom. I 862— 954. Paris 1876. ³) Mabillon et Ruinart, Ouvrages posthumes II, 21 seq. Das alte Urkundenbuch zerfiel in zwei Bücher, davon enthielt das erste die Urkunden der Aebte: Berno mit 156, Odo mit 188, Aimard mit 278, Maiolus mit 859. Das zweite die der Aebte: Odilo mit 720, Hugo mit 739, Pontius mit 48. Vgl. Pignot, Histoire de l'abbaye de Cluny, tom. I avant-propos 3.


