Ebeufalls auf Anregung des Abtes Pontius verfasste Hildebert von Le Mans, später Erzbischof von Tours, der gefeierteste Schriftsteller seiner Zeit, die dritte Lebensbeschreibung Hugo's, dem er persönlich nahe gestanden hatte. Aber man würde sich getäuscht sehen, wollte man in seinem Werke eine wesentliche Bereicherung des Materials suchen. Er selbst sagt, dass er sich zumeist an die Schriften Ezelo's und Gilo's gehalten, dass er nur weniges hinzugefügt, manches dagegen weggelassen habe. Seine ganze Aufgabe bestand also, wie die Gilo's, nur darin, dem vorhandenen Bild eine neue, glänzendere Einfassung zu geben. Worte gebrauchte er und daran hatte er Ueberfluss. In salbungsvoller Breite, erbaulichen Betrachtungen, ver- mischt mit gesuchten Wortspielen und zierlichen Wendungen, fliesst der Strom seiner Rede da- hin. Allenthalben ist die Diction lebhaft, voll sind die Farben aufgetragen, vortrefflich die Ausmalung einzelner Züge, gewandt der Satzbau, kurz überall zeigt sich der geschickte Stilist. Es war nicht sein erster Versuch ein Heiligenleben zu entwerfen, schon war aus seiner Feder das Leben der hl. Radegunde, jener thüringischen Gefangenen und fränkischen Königin, geflossen. Auch darin hatte er seine Vorgünger, den Bischof Fortunat von Poitiers und die Nonne Baudonivia. An Fortunat schloss er sich besonders an, aber aus einer Seite jenes hat er mindestens zwei gemacht. So leicht hatte er's nun eben bei Gilo nicht, auch der war ein Meister der Rede und hatte von seiner Kunst ausgiebigen Gebrauch gemacht. Das Thema noch breiter auszuspinnen war unmöglich, es blieb ihm also nur übrig für die nämlichen Dinge und Gedanken neue Umschreibungen zu suchen, und der Anschluss an seine Quelle ist daher meist ein sehr enger.
Mit Benutzung der Schriften Gilo's und Hildebert's verfasste ein Cluniacensermönch, namens Hugo, auf Ansuchen des Conventes von Cluny eine vierte Lebensbeschreibung. Er stammte aus der Gegend von Beauvais und war sammt zweien seiner Brüder unter Pontius in Cluny eingetreten, seine Mutter hatte zu Marcigny den Schleier genommen. ¹) Da sein Werk vorzugsweise dem Bedürfniss der grossen Masse der Mönche, die für Feinheit des Stils und kunstgerechte Perioden kein Auge hatten, dienen sollte, so suchte er die rhetorischen Leistungen seiner Vorgänger in ein knapperes Gewand zu zwängen und eine einfachere Fassung herzustellen. Dem vorhandenen Schatze von Wundern fügt er einige neue hinzu, für deren Glaubwürdigkeit er sich gern auf Augenzeugen beruft. Hin und wieder unterbricht er den Gang der Erzühlung durch Anreden an die Brüder, um sie auf ein besonders bemerkenswerthes Wunder aufmerksam zu machen, oder sucht durch ein»das erzühle ich z. B. für schwatzhafte Mönche« in belehren- der Weise zu wirken.
Denselben Zweck, wie der Mönch Hugo, verfolgte der Abt Rainald von Vezelay, später Erzbischof von Lyon, mit seiner Schrift. Auch er wollte in gedrängter Darstellung die merk- würdigsten Ereignisse aus dem Leben des grossen Abtes zur Erinnerung und Erbauung der Brüder niederschreiben. Und wer konnte dazu geeigneter sein? War er doch ein naher Ver- wandter, ein Neffe desselben, und unter seiner Leitung in Cluny herangewachsen, musste er ihm doch persönlich näher gestanden haben, als irgend einer der übrigen Biographen. Aber man sieht sich auch hier in seinen Erwartangen getäuscht, es ist im Ganzen der alte Bestand von Wundern, der uns geboten wird. Nur eine wichtige Nachricht verdanken wir ihm, nämlich über einen Versöhnungsversuch, den Hugo zwischen Gregor und Heinrich IV machte; dagegen schweigt er merkwürdiger Weise vollständig über die Beziehungen des Abtes zu Heinrich III. Seine Darstellungsweise ist, ihrem Zweck entsprechend, einfach und ungekünstelt. Ausser dieser
¹) Vgl. sein Schreiben an Pontius(Bibl. Clun. 557).


