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In der Deutung der Eleuſinien treten ſich zwei Parteien grell ent⸗ gegen. Die eine undet darin den Kern gewiſſer theologiſch⸗philoſophiſcher
peculationen, einen Schatz geheimer Weisheit, eine Anſtalt hoͤheren Unterrichts; waͤhrend die andere darin nichts weiter ſieht, als eine Art Schauſpiel, mit wyſtiſchem Pompe ausgeſtattet, ein Schauen geheiligter Gegen⸗ ſtaͤnde, Reliquien, Bilder, die an Demetra, die Wohlthaͤterin der Menſchheit, erinnern ſollten, aber durchaus kein Inſtitut fuͤr hoͤheren Unterricht in der Re⸗ ligion. Man koͤnnte die erſte Partei die my ſtiſch⸗theologiſche, die zweite die rationaliſtiſch⸗philoſophiſche nennen. Auf beiden Seiten gibt es, wie bei den politiſchen Parteien, Gemaͤßigte und Ultra's oder Exaltirte, wie wir unten ſehen werden.
Wenn wir den Eleuſinien unſere volle Aufmerkſamkeit zuwenden, ſo wandeln wir gern an der Seite eines gelehrten, erfahrenen Fuͤhrers durch dieſes Gebiet der Sage und der Geſchichte. Lobeck verbreitet in ſeinem Aglao⸗ phamus mit ſeinem hellen Verſtande, durch ſeine gruͤndliche Forſchung viel Licht uͤber manches dunkle Feld der Eleuſinien; und wenn wir auch nicht in Allem ſeiner Verſtandes⸗Anſicht beiſtimmen, ſo verdanken wir ihm doch in Vielem Belehrung. Sein naͤchſter Zweck, der Schwaͤrmerei, die ſich auch der gelehrteſten Koͤpfe in der Behandlung dieſer Materie bemaͤchtigt hat, kraͤftig entgegen zu treten und die Geheimnißkraͤmerei zu bekaͤmpfen, iſt ſo ziemlich er⸗ reicht. Es laͤßt ſich aber wohl fragen: hat den Verfaſſer des Aglaophamnus der Eifer fuͤr die Sache des geſunden Menſchenverſtandes und die Waͤrme, mit der er dieſelbe verficht, an manchen Stellen nicht zu weit gefuͤhrt? Hat er die Ausſpruͤche des frommen Gefuͤhls und die Lobpreiſungen der Dichter in Sachen der Eleuſinien nicht allzu gering angeſchlagen? Hat er auf die große Zahl ausgezeichneter und geiſtvoller Maͤnner, die an den eleuſiſchen Weihen Theil genommen haben, nicht zu wenig Gewicht gelegt? Hat ihn nicht der beſondere
weck, den er ſich vorſetzte, bisweilen etwas einſeitig gemacht? Dieſe Einwuͤrfe koͤnnten wohl dem gelehrten Forſcher gemacht werden. Es lohnt ſich der Muͤhe, darauf einzugehen, Alles genau zu beleuchten und dabei vorzuͤglich K O. Muͤllers Forſchungen*) zu benutzen, und aus der ganzen Unterſuchung die Beantwor⸗ tung der Frage abzuleiten:»Was iſt Dichtung, was Wahrheit in Sachen der Eleuſinien?«—
Die myſtiſche Partei, welcher Lobeck entgegentritt, behauptet Folgendes:
»In den Eleuſinien habe der Hierophant die erhabenſten Lehren uͤber das Daſeyn des Einen ewigen Gottes, uͤber den Urſprung der Dinge, uͤber die Beſtimmung des Weltalls und des Menſchen in's Beſondere, uͤber die Wanderung und Reinigung der Seelen, mithin eine vollſtaͤndige Religions⸗
*) Siehe K. O. Muller's Abhandl. über die Eleuſ. in Erſch. Encyclop. I. Sect. 33. Bd. Lpzg. 1840. Artik. Eleuſinien. S. 268- 296.


