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Die Menſchheit erſcheint uns im Werden; ihre Aufgabe iſt Fort⸗ bildung; das vollkommene Seyn iſt nur in der Idee, nicht in der Wirklichkeit. Dieſe natuͤrliche Anſicht, die ſich dem geſunden Verſtande durch die Geſchichte aufdraͤngt, iſt verſchieden von dem Gebilde der Phan⸗ taſie, die, nicht zufrieden mit dem Werden„mit dem unvollkommenen Rin⸗ gen, ſich lieber gleich das Vollkommene ſchafft und ihre Dichtung in die Geſchichte hineintraͤgt. Die dichtende Phantaſie beginnt mit einem goldenen Weltalter und laͤßt dem Menſchen Das, was er in der Wirklichkeit muͤhſam erringen ſoll, durch eine Gabe des Himmels auf Einmal zu Theil werden. Ein Kind dieſer Phantaſie iſt auch jene Weltanſicht, welche die Geſchichte der Menſchheit mit einer hoͤheren Weisheit— Gnoſis— anfaͤngt, den Wohnſitz derſelben nach Aſien verlegt, ſie in Bruchſtuͤcken zu den Griechen wandern und durch Sagen und Mythen, durch Orakel, durch eleuſiſche, orphiſche, ſamothrakiſche Geheimuiſſe durchſchimmern laͤßt. Wem es nur um die Er⸗ forſchung der Wahrheit zu thun iſt, der wird ſich bemuͤhen, das Weſen vom Scheine zu ſondern; er wird jedem Dinge ſeinen eigenen Werth laſſen, Nichts verkennen, Nichts uͤberſchaͤtzen; er wird unter der Huͤlle der Dichtung den Kern der Wahrheit herausfinden, aber nicht Traͤume fuͤr Wirklichkeit halten, ſich nicht von den gaukelnden Bildern der Phantaſie beruͤcken laſſen; er wird alle Ein⸗ richtungen und Anſtalten, die den Fortſchritt der Menſchheit bezwecken, hoch achten, aber dem Betruge und der Heuchelei, wenn ſie auch in Engelgeſtalt auftreten, die Larve abreißen; dem Menſchlich-Edeln und Guten wird er uͤberall huldigen, wo er es findet, aber den ſchaͤdlichen Irrthum uͤberall bekaͤmpfen.
Halten wir dieſen Grundſatz feſt bei der Beurtheilung jener ehrwuͤrdigen Inſtitute, von denen das Alterthum mit Ehrfurcht redet; gehen wir nicht mit vorgefaßten Meinungen an das Werk, ſondern mit aufrichtigem Sinne und mit Beſonnenheit, unbefangen, ohne Vorurtheil, ohne Duͤnkel; ſo wird ſich uns die Wahrheit enthuͤllen, ſo weit es dem menſchlichen Blicke vergoͤnnt iſt, ſie zu chauen.—
G Unter allen religioͤſen Anſtalten der grauen Vorwelt hat keine ein groͤßeres Anſehen und einen ausgebreiteteren Ruf erlangt, als die Eleuſinien.
Mit der hoͤchſten Wuͤrde, in welcher ein heiliger Gegenſtand dem frommen Gefuͤhl erſcheint, umkleidet, und mit allem magiſchen Retze, welchen die Phan⸗ taſie verleiht, ausgeſtattet, ſtehen die Eleuſinien ehrfurchterweckend vor dem betrachtenden Geiſte. An ihnen hat ſich der Verſtand in allen Jahrhunderten verſucht; ſie ſind der Gegenſtand einer unbegraͤnzten Verehrung und Ueber⸗ ſchaͤtzung, aber auch das Stichblatt des leichtfertigen Tadels und Spottes ge⸗ worden. Von den Ertremen der Uebertreibung auf beiden Seiten uns fern zu halten, gebeut uns ſchon der Ernſt des Gegenſtandes, weil er das Heilige be⸗ trifft und die Befoͤrderung der Humanitaͤt und die Erhebung der Menſchheit bezweckt.—


