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in den Tod folgen koͤnnen! Mir, der Göottinn, iſt dieſes Gluͤck verſagt. O, koͤnnt' ich hin in das Reich der Schatten, ich eilte zu ihr und ihrer ſuͤßen Um⸗ armung. Doch vergebens! Nimmer, ſo lange nicht das Reich der Nacht er⸗ hellt wird vom Sonnenlichte, nimmer wird dieſer Wunſch erfuͤllt. Iſt mir denn von ihr, der Theuren, gar Nichts uͤbrig geblieben, kein Zeichen der Liebe? Iſt das Band zwiſchen uns auf ewig geloͤſst!— Nein! wir ſind nicht ganz getrennt; zwiſchen uns beſteht noch eine Verbindung; wir haben noch eine Sprache mit einander gemein. Im Herbſte lege ich das Samenkorn in die Erde; der Keim ringt ſich empor zum Lichte. Mit der Wurzel ſucht die Pflanze das Schattenreich; mit dem Stamme gehoͤrt ſie der Oberwelt; auf ibrer Blumen⸗ krone malt ſich das Himmelslicht mit ſeinen heitern Farben. Zarte Blumen des Lenzes, durch euch redet zu mir der Mund der Tochter, daß auch fern vom goldnen Tage, dort unten im Todtenreiche, das Herz noch zaͤrtlich gluͤhe, der Buſen noch liebend ſchlage. Seid mir daher gegruͤßt, Kinder der verjüngten Aue! Wie in den welkenden Blumen des Herbſtes ſich mein Schmerz aus⸗ ſpricht; ſo verkuͤnde der friſche Fruͤhlingskranz meine Wonne. Wenn die Erde wieder gruͤnt, wenn das Todte neugeboren wlrd; dann erwache in jeder zarten Bruſt die Hoffnung der Fortdauer; dann durchgluͤhe jede Seele der Gedanke: Ueberall iſt Leben; der Tod iſt Uebergang in eine andere Form; ein lebendiger Geiſt durchdringt alle Pulſe des Weltalls.„—
So fuͤhrt der Dichter von der Klage zur Beruhigung; ſo troͤſtet er uͤber den ſcheinbaren Untergang des Einzelnen mit dem Leben im Ganzen; ſo ver⸗ bindet er das Reich der Lebenden mit dem Reiche der Todten; ſo weckt er die in jedem Herzen ſchlummernde Ahnung eines geiſtigen Bandes zwiſchen dieſer und jener Welt; ſo erhebt er das Herz durch die Hoffnung, die gleich der Fruͤhlingsſonne die ſchoͤnen Bluͤthen des Troſtes, der Ergebung, der Freude hervorlockt. Aehnliche Lehren mag der Hierophant auch in den Myſterien, be⸗
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