— 3—
Sein reiferes Alter entſprach der Wuͤrde ſeines Amtes. Auf die Schoͤnheit ſeiner Stimme nahm man vorzuͤgliche Ruͤckſicht. Sein Prieſterthum war lebenslaͤnglich; ſein Leben mußte unſtraͤflich ſeyn. Er und ſein Stamm waren Huͤter und Ausleger ungeſchriebener Geſetze und Richter uͤber Schaͤndung der Religion. Bei den großen Myſterien ſtellte er den Weltſchoͤpfer vor. Dem Hierophanten folgte im Range der Fackeltraͤger, ebenfalls mit einem Diadem geſchmuͤckt. Sein Geſchaͤft war die Reinigung oder Entſuͤhnung der Einzuweihenden. Er ſtellte die Sonne vor, ſo wie ſein Gehuͤlfe, der Al⸗ tardiener*), den Mond. Auf den Fackeltraͤger folgte der heilige Herold, welcher den Einzuweihenden Stille, den Ungeweihten Flucht gebot. Er trug die Zeichen des Hermes. Außer dieſen Perſonen hatte noch der zweite Archon, der Baſileus, den Auftrag, waͤhrend der Feier Unordnung zu verhuͤten und die begangene zu beſtrafen. Er brachte den Goͤttern Opfer fuͤr das Heil des Volkes. 1
Von dieſen Myſterien verſprach ſich der Hellene die wichtlgſten Vortheile. Man ruͤhmte von ihnen, ſie haͤtten uͤberall den Geiſt der Eintracht und der Menſchlichkeit verbreitet, ſie reinigten die Seele von Unwiſſenheit und Flecken, ſie gewaͤhrten kraͤftige Mittel zur Tugend, die ſuͤßen Gefuͤhle eines unſtraͤflichen Lebens, die Hoffnung eines ruhigen Todes und einer endloſen Seeligkeit im Elyſium.**). Bei allem dieſem weigerten ſich die erſten Weiſen Griechenlands, ſich in dieſe Myſterien einweihen zu laſſen, Sokrates und Diogenes aus⸗ drücklich, und nach des Letzteren Ausſage ſuchten Epaminondas und Ageſilaos nie darum an**).
Helle Koͤpfe blickten durch den Schleier des Geheimniſſes hindurch und
8) 6eιG ¹0, d En! 8 ½. **) S. die Stellen aus den Alten bei Anacharſis. Kap. 68. *) S. Anacharſis.


