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Sophiſten und Weltweiſen, von Rednern und Geſchichtſchreibern Vorleſungen gehalten. Hier las Herodot vor dem verſammelten Griechenlande ſeine Ge⸗ ſchichte, und der allgemeine Beifall, mit welchem er belohnt wurde, weckte in Thucydides den Entſchluß, ein aͤhnliches Werk zu ſchaffen. Hier urtheilte ein kunſtgebildetes Volk uͤber die Erzeugniſſe des Geiſtes— ein Volk, welches koͤrperlich und geiſtig von der Natur beguͤnſtigt und bei welchem Sinn und Herz der Schoͤnheit aufgeſchloſſen waren. Hier fand jedes Verdienſt ſeine An⸗ erkennung, und die Sieger in den heiligen Spielen genoſſen einer Verehrung, die an Vergoͤtterung graͤnzte. Mit dem Palmzweige und einer Krone geſchmuͤckt zogen ſie auf einem Triumphwagen als Halbgoͤtter ein; die vornehmſten Ehren⸗ ſtellen, beſonders bei dem Heere, ſtanden ihnen offen. Auf öffentliche Koſten wurden ſie in den Prytaneen unterhalten oder mit einem lebenslaͤnglichen Ge⸗ halte und mit Steuerfreiheit belohnt. Man errichtete ihnen Bildſaͤulen auf dem Kampfplatze und in ihrem Vaterlande, welches ſich in ihnen geehrt fuͤhlte.
In Sparta umgaben ſie als Leibwache die Perſon der Koͤnige. Die Ehre der Sieger ging uͤber auf ihre Verwandte und ihre Geburtsſtadt. War es bei dieſen Auszeichnungen ein Wunder, daß man in Griechenland kein hoͤheres Ziel des Ehrgeizes kannte, als den Siegespreis in den heiligen Spielen davon zu⸗ tragen?
Wie viel hoͤher ſtanden die Griechen in aͤſthetiſcher und moraliſcher Hin— ſicht, als die Roͤmer! Dieſe Weltbezwinger und Raͤuber des Erdkreiſes fanden ihren hoͤchſten Genuß in den Spielen des Circus und in dem Kampfe der Gla— diatoren auf Leben und Tod. Dieſe Mordſpiele unterhielten die Blutgier des Volkes, und der vornehme Poͤbel, der ſie liebte, ſtand au ſittlicher Geſinnung tiefer, als mancher Gladiator, der hier gefaßt den Todesſtoß empfieng. Wie viel hoͤher ſtanden auch die Griechen als die meiſten Voͤlker der Nachwelt, was die aͤſthetiſche und geiſtige Bildung der großen Maſſe und beſonders die oͤffent— liche Beurtheilung geiſtiger Werke betrifft! Zu den gluͤcklichſten Anlagen der


