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Gunſt ſeiner Nachfolger, die es als Mittel benutzten, um ihre Herrſcheran⸗ ſpruͤche geltend zu machen. Durch ſeine Vorleſungen uͤber das roͤmiſche Recht erwarb ſich großen Ruf Werner(AIrnerius) in Bologna. Das kanoniſche Recht gedieh als Schooßkind der Hierarchie; die Namen Gratian und Ray⸗ mund(de penna forti) ſind bekannt.
Auf dem Gebiete der Theologie und der Philoſophie trieb ein geiſtiges Turnweſen ſein Spiel— die Scholaſtik. Gelehrte Maͤnner forderten ſich zum Kampfe heraus uͤber die ſpitzfindigſten Dinge; jeder hatte ſeine Partei, ſeine Schule; ihre Turnplaͤtze waren die Hoͤrſaͤle, ihre Turniere die Disputa⸗ tionen. Wie die Ritter fuͤr Recht und Ehre, fuͤr edle Frauen und Religion, oft aus bloßer Luſt, Lanzen brachen; ſo kaͤmpften die Scholaſtiker, die No— minaliſten und Realiſten, die Thomiſten und Scotiſten fuͤr ihren Ariſtoteles und ihre Dogmatik, fuͤr ihre ſpeculativen Begriffe und fuͤr Hirn⸗ geſpinnſte mit Definitionen und Phraſen. Außer der Uebung im abſtrakten Den⸗ ken war dabei wenig Gewinn fuͤr den menſchlichen Geiſt und gar keiner fuͤr das praktiſche Leben. Man erlaubte dem philoſophiſchen Verſtande allen Scharf⸗ ſinn, alle Spitzfindigkeiten aufzubieten, um die dogmatiſchen Saͤtze der Theolo⸗ gie zu vertheidigen. Wer es aber wagte, das, was die Kirche zu glauben vor— ſchrieb, anzugreifen, oder die in der Kirche eingeriſſenen Mißbraͤuche aufzudecken, dem drohte der Scheiterhaufen. Die Rache an den Waldenſern und an Johannes Huß mußte ſelbſt den Kuͤhnſten abſchrecken. Die Philoſophie war alſo nur eine Magd der Theologie und im Dienſte der Hierarchie; und auf dem Gebiete der Theologie mußte eine um ſo groͤßere Dunkelheit herrſchen, je mehr es durch zeit⸗ liche und ewige Strafen der luͤſternen Vernunft unterſagt war, mit ihrer Fackel die Nacht des Geheimniſſes aufzuhellen.
In dem Gebiete der Naturwiſſenſchaften ging es etwas, aber nicht viel beſſer. Den Sinn daſuͤr hatten die Araber geweckt. Wer ſich aber darin uͤber


