Aufsatz 
Über des Mittelalters Licht- und Schattenseite, mit besonderer Hinsicht auf die deutsche Geschichte
Entstehung
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ken, als ſie zu befoͤrdern. In der Regel trieb der junge Edelmann nur Leibes⸗ uͤbungen, das, was ihn zum Krieger bilden konnte, allem Andern vorziehend. Es war fuͤr eine weltliche Perſon vornehmen Standes ein ſeltener Vorzug, leſen und ſchreiben zu koͤnnen. Der leibeigene Bauer lernte gar nichts, oder man ließ ihn abſichtlich nichts lernen, was ihn aus feinem dumpfen Geiſteszu⸗ ſtande haͤtte erheben koͤnnen. Nur durch die Staͤdte, dieſe Sitze des Gewerb⸗ fleißes und des Handels, wurde der Geiſt unter den Laien mehr geweckt und das Licht der Cultur allgemeiner verbreitet.

Auch die Kreuzzuͤge, ſo viel Verderbliches ſie auch uͤber Europa brachten, trugen das Ihrige dazu bei, durch die Bekanntſchaft mit neuen Voͤlkern, ihren Religionen, Sitten und Verfaſſungen das Nachdenken uͤber intereſſante Gegenſtaͤnde zu wecken, Vergleichungen hervorzurufen, manche bisherige Vorurtheile zu ent⸗ kraͤften, kurz die enge Sphaͤre des Geiſtes bei den europaͤiſchen Voͤlkern zu er⸗ weitern. Was Anfangs durch die Religion entſtanden war, wurde auch in politiſcher und wiſſenſchaftlicher Hinſicht wichtig. Erſt nach den Zei⸗ ten der Kreuzzuͤge bemerken wir in Europa mit der Erweiterung des Handels und der Befoͤrderung des Gewerbfleißes zugleich mehr Freiheit der Ideen, groͤ⸗ ßere Fortſchritte in den geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſen, mehr Intereſſe an allge⸗ mein wichtigen Dingen und dadurch ein neues, mannichfaltiges Leben. Fruͤher begegnet unſerm Blicke nicht ſo viel Erhebendes.

Wenden wir von dieſen allgemeinen Bemerkungen unſere Aufmerkſamkeit auf die beſonderen Zweige der geiſtigen Cultur, und betrachten wir den Stand der Wiſſenſchaften im Einzelnen, ſo ſtellt ſich uns, außer dem Studium der Rechtswiſſenſchaft, in den uͤbrigen Faͤchern des menſchlichen Wiſſens eben kein ſehr erfreuliches Bild dar.

Das roͤmiſche Recht gelangte beſonders ſeit Lothar II., welcher die Docto⸗ ren deſſelben zu Rittern ſchlug, zu hohem Anſehen, und erfreute ſich auch der