Aufsatz 
Über des Mittelalters Licht- und Schattenseite, mit besonderer Hinsicht auf die deutsche Geschichte
Entstehung
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heit des heimlichen oder Vehmgerichtes, ſelbſt noch zu Ende des fuͤnfzehnten Jahrhunderts.

In der Geſetzverfaſſung wurde durch die Einfuͤhrung des kanoniſchen und romiſchen Rechtes eine allgemeine Veraͤnderung bewirkt. Das Verfahren in welt⸗ lichen Gerichtshoͤfen wurde dadurch verbeſſert; die Grundſaͤtze der Billigkeit und des geſunden Menſchenverſtandes herrſchender, der Rechtsgang richtiger, die Urtheile ſicherer und feſter. Das Geſetz, welches dem Geringen Recht ſprach, wie dem Großen, trug nicht wenig dazu bei, den Geringen zu ſchuͤtzen und den Mittelſtand zu heben. Zu Richtern waren jetzt gelehrte und gebildete Maͤnner noͤthig, ſtatt daß vorher die Erwerbung koͤrperlicher Geſchicklichkeiten eben ſo nothwendig war fuͤr den Gerichtsplatz, als fuͤr das Schlachtfeld. Wenn auf der einen Seite zu beklagen iſt, daß ſeit Nicolaus I.*) das kanoniſche Recht mit ſeinen falſchen Iſidoriſchen Decretalen als die vornehmſte Stuͤtze hierarchiſcher Anmaßungen, als das beſte Werkzeug zur Begruͤndung der paͤpſtlichen Herr⸗ ſchaft, oft auch als Mittel zur Unterdruͤckung der Geiſtesfreiheit gemißbraucht wurde; wenn es ferner zu bedauern iſt, daß das roͤmiſche Recht, das volksthuͤm⸗ liche verdraͤngend, zum Landrecht erhoben wurde: ſo laͤßt ſich doch auf der an⸗ dern Seite nicht laͤugnen, daß die Einfuͤhrung beider Rechte zur Zeit der despo⸗ tiſchen Lehnsariſtokratie und thoͤrichter oder gefaͤhrlicher Gerichtsproben eine Wohlthat fuͤr die Menſchheit war und ein bedeutender Schritt zur Verbeſſerung des geſellſchaftlichen Zuſtandes.

Bei der Rohheit des Zeitalters laͤßt ſich im Allgemeinen von dem Bildungs⸗ zuſtande des Mittelalters nicht ſehr viel Ruͤhmliches ſagen. Der verwahrloſte, niedergedruͤckte Menſchengeiſt verſank in tiefe Unwiſſenheit. Die Geiſtlichkeit, faſt ausſchließlich im Beſitze der Gelehrſamkeit und hoͤherer Bildung, fand es ihrem Intereſſe angemeſſener, der Aufklaͤrung unter den Laien entgegen zu wir⸗

*) 867,