Aufsatz 
Über des Mittelalters Licht- und Schattenseite, mit besonderer Hinsicht auf die deutsche Geschichte
Entstehung
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27 ſeinem Koͤnige Ludwig VlI., ihren Fuͤrſten die drei wichtigen Gegenſtaͤnde*) an's Herz legten:»Befreiung der Leibeignen, Stiftung der Gemeinden, Gruͤn⸗ dung einer beſſeren Rechtsverfaſſung.« Wir wenden uns nun von dem erfreulichen Bilde, das uns der Flor der

Stadte gewaͤhrt, auf den Culturzuſtand des Mittelalters, zu deſſen Verbeſſerung die Staͤdte ſo Vieles beitrugen.

III.

Den Culturzuſtand eines Volkes lernen wir aus ſeinem haͤuslichen und buͤr⸗ gerlichen Leben und aus dem Zuſtande der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, des Ge⸗ werbfleißes und Handels kennen. Wie das haͤusliche und buͤrgerliche Leben im Mittelalter beſchaffen geweſen, ergibt ſich ſchon groͤßten Theils aus dem Geſagten.

Nach altdeutſchem Herkommen war der Hausvater unumſchraͤnkter Herr in ſeinem Hauſe; daher haͤufig harte Behandlung der Familie und des Geſindes. Die alten Rohheiten und Laſter waren geblieben und eher noch vermehrt, als gemindert worden. Das natuͤrliche Gefuͤhl fuͤr Sittlichkeit und Recht wurde durch das fuͤr alle Verbrechen, ſogar fuͤr den Mord, angeſetzte Wehrgeld, ſo wie durch die harte, entehrende Kirchenbuße abgeſtumpft. Die von alter Zeit her geltende Selbſtrache wurde geſetzlich und erzeugte das Fauſtrecht mit ſeinen Graͤueln. Die Rohheit des Zeitalters geſiel ſich in der Entſcheidung der Strei⸗ tigkeiten durch die Gottesurtheile, beſonders durch den Zweikampf, und dieſe altgermaniſche Unart behauptete ihr Recht ſelbſt gegen das Anſehen der Kirche, welche dieſe Art der Entſcheidung verbot. Dem unhaͤndigen Zeitgeiſte galt die Gewaltthat fuͤr Recht; dieſer mußte man eine ſtaͤrkere Gewalt entgegen⸗ ſetzen; und einer der ſtaͤrkſten Beweiſe, was oft fuͤr gewaltſame Huͤlfsmittel angewandt wurden, um Recht zu erhalten, iſt die Ausdehnung und Allgemein⸗

*) P'affranchissement des serfs, P'etablissement des communes, le recouvrement de la justice.