Aufsatz 
Über des Mittelalters Licht- und Schattenseite, mit besonderer Hinsicht auf die deutsche Geschichte
Entstehung
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ſtaͤndigkeit des Geiſtes erklaͤrte ſie fuͤr die hoͤchſte Ketzerei, und bedrohte ſie mit zeitlichen und ewigen Strafen. Wem daher die Fortbildung des menſchlichen Geiſtes als Forderung unſerer hoͤheren Natur, mithin als des Schoͤpfers Wille gilt; wer ſie als die hoͤchſte Aufgabe ſeines Strebens betrachtet, und die Anſicht theilt, daß auf dieſe Vervollkommnungsfaͤhigkeit das Gluͤck des Einzelnen, wie der Staaten, feſter gegruͤndet werden koͤnne, als auf den Stillſtand der Geiſtes⸗ thaͤtigkeit und auf das Verſtummen freier Geiſtesregung; der wird gewiß nicht wuͤnſchen, daß die hierarchiſche Macht wieder uͤberwiegend werden moͤge, ſon⸗ dern er wird vielmehr der weltlichen Gewalt Recht geben, wenn ſie die geiſtliche in die von dem Stifter der Kirche ihr vorgezeichneten Schranken zuruͤckweiſt. Betrachtet man den Zweck der Hierarchie vom Standpunkte des Chriſtenthums, deſſen Geiſt ſich nicht vertraͤgt mit der Herrſchſucht und dem Gebrauche welt⸗ licher Waffen, ſondern auf Ueberzeugung, auf Liebe und Gerechtigkeit dringt*); ſo iſt das Streben eines Gregor, eines Innocenz, eines Boclifaz nicht im Sinne des Stifters der chriſtlichen Religion, der kein Reich von dieſer Welt gruͤnden wollte. Die Zeiten der Rohheit, worin dieſe Maͤnner auftraten, moͤgen Manches entſchuldigen, Manches rechtfertigen, was ſie fuͤr die Gruͤndung der kirchlichen Herrſchaft gethan haben; aber ihrem Beurtheiler darf es darum nicht verwehrt ſeyn, den Maßſtab chriſtlicher Ideen an ihre Grund⸗ ſaͤtze und Thaten anzulegen. Sie koͤnnen als Herrſcher unſere Bewunderung, unſer Erſtaunen erregen, ſich ſogar Achtung erwerben durch die Klarheit ihres Geiſtes und die Kraft ihres Willens; aber als Stellvertreter Chriſti erſcheinen ſie in einem andern Lichte, und die Glorie ſchoͤner, liebenswuͤrdiger Tugenden, die den Meiſter ziert, ſuchen wir bei ihnen vergebens.

Verkennen laͤßt ſich nicht, daß in jenen rohen Zeiten die Vormundſchaft und das Anſehen der Hierarchie nicht ohne Vortheile fuͤr die Welt war, und viel

*) Luk, 22, 25. 26.