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In gleichem Geiſte ſprach ſich Bonifacius VIII. uͤber die geiſtliche Univerſalmo⸗ narchie aus.»Es iſt nur Eine Kirche, und außer ihr weder Seeligkeit, noch »Vergebung der Suͤnden zu hoffen. Sie hat nur Ein Haupt, Chriſtus, deſſen »Statthalter Petrus und des Petrus Nachfolger ſind. Sie hat zwei Schwer⸗ „ter; ein geiſtliches und ein weltliches. Das weltliche Schwert iſt der »geiſtlichen Gewalt unterwuͤrfig. Die hoͤchſte geiſtliche Macht kann von Nie⸗ „mand, als von Gott, gerichtet werden. Alle Reiche ſind alſo dem Papſte un⸗ „terworfen. Der Papſt iſt der Statthalter Gottes auf Erden.«
Wenn dieſe Sprache von den Geiſtlichen in einer Zeit gefuͤhrt wurde, wo der Beſitz der Gelehrſamkeit und hoͤherer Bildung faſt ausſchließlich bei dem Clerus zu finden war, wo die Hierarchie oft Zuflucht und Schutz gewaͤhrte ge⸗ gen den Uebermuth und den Druck der weltlichen Gewalt: ſo koͤnnte Mancher nach dem Grundſatze, daß der Gebildete uͤber den Ungebildeten herrſchen muͤſſe, verſucht ſeyn, die Kuͤhnheit der Folgerungen aus jenem Grundſatze, wo nicht zu rechtfertigen, doch zu entſchuldigen, und ſie zeitgemaͤß zu finden. Wenn wir aber dieſelbe Sprache auch noch dann vernehmen, als der Geiſt des freien, ſelbſtaͤndigen Denkens unter den Laien erwacht war, und die Geiſttlichkeit in der Geiſtesbildung nicht ſelten hinter den Laien zuruͤckblieb, als die geiſtliche Oberherrſchaft druͤckender, ſchreckender und gefaͤhrlicher wurde, und der freiſinnige Denker nur Zuflucht und Schutz fand bei der weltlichen Macht: ſo werden wir in die angefuͤhrten Grundſaͤtze der Hierarchie nicht einſtimmen, und die Folge⸗ rungen aus denſelben weder der Vernunft, noch dem Chriſtenthume angemeſſen finden. Was war das Ziel der Hierarchie im Mittelalter? Nicht Geiſtesbil⸗ dung wollte ſie befoͤrdern, nicht das Reich der ſittlichen Vernunft erweitern, ſondern auf blinden Glauben und unbedingten Gehorſam ihren Thron bauen. Sie konnte ſich mit der freien Forſchung nicht vertragen; das Wachsthum in
der Erkenntniß, das Fortſchreiten der Vernunftbildung war ihr gefaͤhrlich; Selb⸗ 2


